politisch, aber vielleicht gerade deshalb nicht uninteressant, weil manüber die Veränderungen, welche diese Gegenwart in der norddeutschenProvinz hervorruft, sonst doch kaum orientiert ist. Das gegenwärtigeLeben der Fischer, der Bauern, der Kleinstädter, aber selbstverständ-lich auch der sehr zahlreichen Feriengäste in den Ostseebädern kommthier zur Geltung. Als durchaus wichtige Hintergründe werden Bilderaus der Vergangenheit gezeigt, mit manchen herben Seitenblicken aufAdels- und Klosterwirtschaft. Die geschichtlichen Zusammenhängewerden dabei zweifellos einseitig dargestellt. Rein volkskundlicheBestandaufnahmen, etwa Angaben über Häuser, Möbel, Trachten usw.findet man weniger. Nur für die Gebiete von Siedlung und Haus fallenausgiebig viele Lichtbilder ab, auch gute, ungeschminkte Bilder vonVolkstypen Glossar ::: zum Glossareintrag Volkstypen. Wie gesagt, ein Stück Gegenwartsvolkskunde, der sich vorallem die deutsche Forschung nicht entziehen dürfte.
Wast
Leopold Schmidt
Fanderl, Annamirl Zuckaschnürl. Altbairisches Liederbuch.
92 Seiten. Ehrenwirth Verlag. München 1961.
Ein sehr gediegener Verlag, ein anerkannter Fachmann und einebegabte Zeichnerin lassen ein vorbildliches Liederbüchl erwarten. Dies-mal geht leider die Rechnung nicht ganz auf und man kann schwerenHerzens nur mit„ befriedigend" zensieren. Ich schätze den Wastl Fan-derl, seine kundige Praxis und seine noblen Absichten, und weil ichihn als ernsthaften Hüter alten Erbes achte, glaube ich ihm ein offenesWort schuldig zu sein.
Geglückt ist dem Herausgeber die Auswahl, geglückt sind ihm dieLiedsätze, aber mit den Texten ist es teilweise daneben gegangen. Siesind weder hochdeutsch noch mundartlich, sondern sie liegen auf dergefährlichen Linie des städtischen Jargons, der unsern bairischen Dialektlangsam unterhöhlt. Nur ein kurzes Beispiel in Form einer Gegenüber-stellung:
Wast Fanderl:
Wia i bin auf d'Alma...ham s'ma wolln...
Kiem Pauli:Wiari bin
hams ma woin..
gel
Wald..
verbrunna
laufa
kaufa
göi
Woid
vabrunna
laffakaffa
Dabei bin ich überzeugt, daß der Praktiker Fanderl selbst„ wiar i"singt, nicht nur weil er weiß, daß sich im Bairischen der Bindekonsonant,, r" zwischen diese beiden Worte schiebt, sondern auch weil man sonstdie Melodie gar nicht mit der nötigen Bindung schön im Bogen aus-singen kann. Es handelt sich also lediglich um eine unklare Überschrei-bung. Mißverstanden ist dagegen das„ um fünf Schusser Bibihender!"( statt„ um fünf Schuß a Bibihenderl"), aber das will ich nicht kriti-sieren, denn ähnliche Umdeutungen finden sich in der heutigen Lied-praxis häufig. Das Schwanken zwischen Mundart und städtischer Um-gangssprache dagegen mindert den Wert des sonst hübschen Büchleinsbeträchtlich. Fern jeder kleinlichen Nörgelei muß man sagen, daß jenamhafter ein Herausgeber ist, umso anspruchsvoller auch die Erwar-tungen sein dürfen, die man in seine Ausgaben setzt.
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