In Brandenburg tritt an Stelle der Weide oder der Birke der Flie-der und die Nessel 22).
Eine wichtige Rolle spielt in der Heilvorstellung der 77 Fieberdie Osterzeit. Seltsame Zeremonien werden in ihr vorgenommen.Das Osterwasser, das im Volksglauben als besonders heilsam gilt,wird vor Sonnenaufgang aus einer Quelle geschöpft und getrunken.Dabei spricht man:„ Dieses Wasser schöpf ich; Christi Blut anbet'ich; dieses Wasser und Christi Blut ist für das 77- erlei Fiebergut. 23). Und die schwäbischen Siedler im Südosten pflegtenehemals am frühen Morgen des Ostertages ins Freie zu gehen undmit aufgehobenen Händen zu beten:„ Hehre, heilige Ostern,bewahr uns vor den siebenundsiebzig Fiebern. Steh uns bei, GottVater, Sohn und Heiliger Geist" 24). Eine ähnliche Handlung, umvor Fieber verschont zu bleiben, wurde in der Untersteiermarkgeübt. Dort betete man am Ostersonntag vor Sonnenaufgang, mitdem Gesicht gegen Osten gewendet, zur Ehre des heiligen Ulrichs,der als Fieberpatron angerufen wird 25). Auch bei den deutschenSiedlern in der Ofener Berggegend galt der Ostersonntag als heil-kräftig gegen die 77 Fieber. Man ging am Ostersonntag vor Son-nenaufgang auf einen Kalvarienberg, kniete nieder und sprachmit ausgebreiteten Armen:
I kni mi auf den Stan,
I bitt Gott Vater ganz allan;Gott is an gerechter Mann
Der wo vor alle 77- erlas Fieber hölfe kann.“ 26)Fließendes Wasser soll die 77 Fieber hinwegspülen. In Preußengeht man vor Sonnenaufgang an ein fließendes Wasser, ohne sichdabei umzusehen, nimmt den Mund voll Wasser, speit dieses inden Fluß und spricht:
,, Frösche ohne Lunge,
Störche ohne Zunge,Fische ohne Galle,
Nehmt meine siebenundsiebzigerlei Fieber alle." 27)
Im Vogtland hingegen gießt man den Urin des Patienten infließendes Wasser und bittet dieses, daß es die„ siebensiebzigerlei
22) K. E. Haase, a. a. O., S. 69 f.
23) A. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart.Leipzig 1925, 4. Aufl., S. 553.
24) R. F. Kaindl, Die Deutschen in Südslawien. Wien 1926, S. 76 f.25) Hs. Ferk- Archiv im StVKM, Schuber 28.
26) L. Mátyás, Aus dem Volksglauben der Schwaben von Soly-már und Szent- Iván.( Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn, II. Band,Budapest 1893, S. 244.)
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27) Hovorka- Kronfeld Bd. I, a. a. O., S. 147.