aus den Spieltexten allein nicht entnehmen. Auch die ersten HallerAufführungen hatten nämlich in der dortigen Pfarrkirche stattgefun-den. Dafür, daß die liturgische Prozession mit ihren Stationen auf dieEntwicklung nicht bloß der Fronleichnamsspiele, sondern schon derOsterspiele und deren Inszenierung Einfluß genommen und das pro-zessionale Nacheinander sich in ein räumliches Nebeneinander derkirchlichen Simultanbühne verwandelte, spricht auch der Werdegangrheinischer Osterspiele 25). Jedoch ist nicht zu übersehen, daß dergottesdienstliche Rahmen, vorab die weltanschaulichen Antipodien vomHimmel und Hölle, von vorneherein bestimmend gewesen waren undes blieben, auch noch, als z. B. die Luzerner Bekrönungsbruderschaftihre Großbühne auf ihrem Stadtplatz errichtete 26). Inwieweit volks-mäßige Aspekte sich an der Simultanbühne geltend machten, habenLiturgiker, Baugeschichtler und Volkskundler erst im Einzelnen wahr-zunehmen.
es
Hatten Albert Jäger, Adolf Pichler und Konrad Fischnaler dasSterzinger Spiel- und Theaterarchiv aufgedeckt und zu seiner Sonder-stellung und Ordnung erhoben, J. E. Wackernell und Oswald Zingerledaraus eine stattliche Zahl einzigartiger Spiele zum Druck befordert,so schlug der erste Weltkrieg die Türe dieser Archivstube im Sterzin-ger Rathaus für lange zu. Nach dem Kriege blieb das Archiv so gutwie unauswertbar. Während des zweiten Weltkrieges wurdeäußerer Bedrohungen wegen gleich anderen Südtiroler Stadtarchivenauswärts geborgen und nicht mehr an Ort und Stelle zurückgebrachtoder anderorts benützbar gemacht. Vorschläge und Bitten, die Spiel-handschriften durch Photokopien zu erschließen, blieben ergebnislos.Auch öffentliche Hinweise wie in der„ Zeitschrift für Deutsches Alter-tum und Deutsche Literatur"( LXXXXII/ 3, S. 236/38) führten zu keinempositiven Ergebnis. Schließlich breiteten sich arge Gerüchte und Hiobs-botschaften über den Verbleib und das Schicksal dieses denkwürdig-sten Spiel- und Theaterarchivs aus, die auch in die Tagespresse ein-gingen. Die vielfachen Erinnerungen an die Sterzinger Schätze begün-stigten die Auffindung zweier bisher unbekannt gebliebenen Spiel-handschriften des dortigen Pfarrarchivs und die Drucklegung desSterzinger Neidhartspiels aus dem 15. Jahrhundert als dem zeitlichenund geistigen Bindeglied zwischen den bisher erschlossenen inner-österreichischen und schweizerischen Fassungen. Wiederum stehen wirvor einem Aufzugsspiel 27).
War die jahrzehntelange Liebesmühe um Sterzing fast umsonstgewesen, um weitere Spielhandschriften und Spielgruppen aus dem
25) H. Rueff, Das rheinische Osterspiel( Abh. d. Ges. d. Wiss.Göttingen, philhistor. Kl. N. F. XVIII/ 1), Berlin 1925; H. H. Breuer,Das mittelniederdeutsche Osterspiel, Osnabrück 1939.
26) Osk. Eberle, Theatergeschichte der inneren Schweiz, Königs-berg 1929; die Jahrbücher der Schweiz. Ges. f. Theaterkultur seit 1928,auch das von 1953/54, in dem Eberle Leben, Glaube, Tanz u. Theaterder Urvölker zusammenfaßt, ohne jedoch mit den Aufzügen auch denWerdegang und Einfluß der Simultanbühne zu berücksichtigen.
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27) Neidhartspiel- Probleme,( Der Schlern, Bd. 24, 1950, S. 374/81):Sterzinger Neidhartspiel a. d. 15. Jh.,( ebda, Bd. 25, 1951, S. 103/26 u.185). Über Raber und sein Spielarchiv vgl. Die dt. Lit. d. MAs. III( 1943), Sp. 951/92. Selbst etliche Themenkreise seiner Renaissancespielewurden in Wandgemälden, Möbel- und Ofenbildern südtirolischer Be-sitze noch im Barock festgehalten.
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