dichterischer Freiheit und Übertreibung bezichtigen. Aber seineErzählung gibt doch einen guten Einblick in Form und Inhalt desBrauches wie der Zuckertüten selbst, und wenn wir schließlichnoch erfahren:„ Die Zuckertüte hatte meine Mutter gekauft undgefüllt, dann haben wir so ziemlich alle für uns wichtigen Mit-teilungen aus dem Bericht entnommen, der für das Dresden imersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts steht. Und Dresden lagauch 1932 mitten im dichtesten Verbreitungsgebiet des Brauches,so daß der Beleg aus der Selbstbiographie die willkommene Ver-tiefung in die Vergangenheit gerade in einem flächig gut be-kannten Gebiet darstellt. Vergangenheit, nicht Geschichte: Dennüber das eventuelle Werden des Brauches sagt das Zeugnisnichts aus.
Von diesem Werden sprechen vielleicht die gelegentlichenAndeutungen in den Berichten, daß die Zuckertüte von einemZuckerbaum stamme. Was Josef Meder mehr oder minder alsPhantasie darstellt, hat es, wie die Atlas- Belege beweisen, tat-sächlich gegeben. Die Kurzfassung des Sachverhaltes wird auf derKarte folgendermaßen formuliert:„ Den Kindern wird erzählt,daß im Schulkeller oder auf dem Schulboden ein Baum wachse.an dem die Geschenke( Tüten mit Süßigkeiten oder Pflaumen,Rosinen usw.) hangen. Dieser Baum heißt Pflaumenbaum,Rosinenbaum, Schachtelbaum, Schokoladebaum, Boltchenbaum( Boltchen gleich Zuckerzeug), Tütenbaum, Weckenbaum.“ Außer-dem besagt die Legende zum letzten Zeichen der Gruppe:„ In derSchulklasse ist ein baumartiges Gestell aufgebaut, an dem dieSchultüten hängen( wird Tütenbaum genannt)." Wie schon gesagt,ist dafür keine Sonderkarte gezeichnet worden, die Zeichen stehenmitten zwischen den anderen drin und lassen daher die Verbrei-tungslandschaft nicht gut hervortreten. Thüringen, Anhalt, dasVogtland und das angrenzende sächsische Erzgebirge und seinVorland im Norden sind offenbar hauptsächlich beteiligt. ImOsten des Gebietes, bis Bautzen und Zittau etwa, tritt der tat-sächlich in der Schulstube aufgestellte Tütenbaum verhältnis-mäßig oft auf.
Man wird kaum fehlgehen, wenn man diesen Gabenbaum alsdas alte Zentrum des Brauches auffaßt. Gabenbringende Bäumesind unserem Volksbrauch zu den verschiedensten Festzeitenwohlvertraut 16). Der Maibaum auf der einen, der Christbaum aufder anderen Seite, sie verkörpern die bekanntesten Ausformun-gen dieses Brauchgedankens. Der Christbaum und sein Vorläufer,16) Adolf Spamer, Weihnachten in alter und neuer Zeit. Jena
1937. S. 71 ff.
90