ein, ein halbes Jahrhundert später hat er seine Erinnerung andieses Ereignis folgendermaßen aufgezeichnet:„ Die 4. Bürger-schule in der Tieckstraße,' unweit der Elbe, war ein vornehmdüsteres Gebäude mit einem Portal für die Mädchen und einemfür die Knaben... Herr Bremser setzte uns, der Größe nach, indie Bankreihen und notierte sich die Namen. Die Eltern standen,dichtgedrängt, an den Wänden und in den Gängen, nickten ihrenSöhnen ermutigend zu und bewachten die Zuckertüten. Das warihre Hauptaufgabe. Sie hielten kleine, mittelgroße und riesigeZuckertüten in den Händen, verglichen die Tütengrößen undwaren, je nachdem, neidisch oder stolz. Meine Zuckertüte hättetihr sehen müssen! Sie war bunt wie hundert Ansichtskarten,schwer wie ein Kohleneimer und reichte mir bis zur Nasenspitze!Ich saß vergnügt auf meinem Platz, zwinkerte meiner Mutter zuund kam mir vor wie ein Zuckertütenfürst Doch das ging
...
bald vorüber. Herr Bremser verabschiedete uns; und die Eltern,die Kinder und die Zuckertüten stiefelten gesprächig nach Hause.Ich trug meine Tüte wie eine Fahnenstange vor mir her. Manch-mal setzte ich sie ächzend aufs Pflaster. Manchmal griff meineMutter zu. Wir schwitzten wie die Möbelträger. Auch eine süßeLast bleibt eine Last... Von der Luisenstraße an ließ ich dieTüte nicht mehr aus den Händen. Es war ein Triumphzug. DiePassanten und Nachbarn staunten. Die Kinder blieben stehen undliefen hinter uns her. Sie umschwärmten uns wie die Bienen, dieHonig wittern., Und nun zu Fräulein Haubold!' sagte ich hintermeiner Tüte... Sie sollte mich bewundern. Ihr wie keinem sonstgebührte der herrliche Anblick... Meine Mutter öffnete die Tür.Ich stieg, die Zuckertüte mit der seidnen Schleife vorm Gesicht,die Ladenstufe hinauf, stolperte, da ich vor lauter Schleife undTüte nichts sehen konnte, und dabei brach die Tütenspitze ab!Ich erstarrte zur Salzsäule. Zu einer Salzsäule, die eine Zucker-tüte umklammert. Es rieselte und purzelte und raschelte übermeine Schnürstiefel. Ich hob die Tüte so hoch, wie ich irgendkonnte. Das war nicht schwer, denn sie wurde immer leichter.Schließlich hielt ich nur noch einen bunten Kegelstumpf aus Pappein den Händen, ließ ihn sinken und blickte zu Boden. Ich standbis an die Knöchel in Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen,Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldenen Maikäfern.Die Kinder kreischten. Meine Mutter hielt die Hände vors Ge-sicht. Fräulein Haubold hielt sich an der Ladentafel fest. Welchein Überfluß! Und ich stand mittendrin..." 15) Man mag Kästner15) Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war. Wien 1957.S. 72 f.
89