Höcker in seinen Erinnerungen dargeboten. Seine Schuljahreverliefen in Karlsruhe, in den Siebziger- und Achtzigerjahren des19. Jahrhunderts. Seinen Schuleintritt schildert er folgender-maßen:„ Als ich Anfang Oktober 1872 ins Lyceum am Markt-platz neben der evangelischen Stadtkirche kam, bestand dort nochdie drollige Stiftung eines alten Karlsruher Bürgers, aus derjeder neueintretende Abc- Schütze als Willkommensgruß derWissenschaften eine große, mürbe Brezel erhielt. Der Schuldienererschien am Einschulungstag mit einem Waschkorb in der Klasse,und Herr Scherer verteilte die duftende Liebesgabe. Daheimerwartete mich die nächste Freude: die Zuckertüte der Eltern.Sie war ebenso bunt und umfangreich wie die„ Storchtüten, diewir Jungen bei der Ankunft unserer Schwester erhalten hat-ten." 12) Die Stelle ist also gleich in dreifacher Hinsicht aufschluß-reich. Erstens gibt sie deutlich an, daß das brauchtümliche Schul-eintrittsgeschenk in Karlsruhe eben die Brezel war: Ein Blickauf die Atlaskarte zeigt, daß Karlsruhe heute nur mehr amWestrande des bedeutenden badisch- württembergischen Brezel-gebietes liegt, an der früheren Zugehörigkeit kann aber gar keinZweifel bestehen. Karlsruhe ist ja nach 1871 stark dem südwest-deutschen Traditionszusammenhang entfremdet worden. Der Vor-gang des Bevölkerungszustromes aus anderen, zumal mittel- undnorddeutschen Landschaften in die badische Residenz war schonin Höckers Jugendzeit im Gange, worauf noch einzugehen seinwird. Zunächst nur ein Hinweis darauf, daß das traditionelleBrezelgeschenk sich auch in älteren badischen Jugenderinnerungenbelegen läßt. Heinrich Hansjakob, der große SchwarzwälderVolksschriftsteller, hat es für die Vierzigerjahre in Haslach imsüdlichen Schwarzwald in liebenswürdiger Form festgehalten:..Übrigens bewahre ich den längst toten Stadtherren meiner Schul-zeit ein dankbares Andenken um der Freude willen, die sie unsKindern jedes Jahr bereitet. Wenn an Ostern die Prüfungen vor-über waren, so öffnete sich die Türe des Schulzimmers, und hereintraten der Stadtbot' und die Sicherheit, jeder mit einem Riesen-korb voll großer Brezeln. Ein, Vater der Stadt' nahm die Ehren-gabe der Bürgerschaft an die Schuljugend in Empfang und stelltesich an den Körben auf. Nun begann der Vorbeimarsch: Männleinfür Männlein und Weiblein nach Weiblein zogen vorüber, undjedes erhielt eine Brezel." 13). In diesem Zusammenhang will also
12) Paul Oskar Höcker, Gottgesandte Wechselwinde. Lebens-erinnerungen eines Fünfundsiebzigjährigen. Bielefeld und Leipzig 1940.S. 45.
13) Heinrich Hansjako b, Der Wälderbub. Erinnerungen. Stutt-gart 1937. S. 109.
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