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Und als ich mich zu Hause über diese Unwahrheit bitter beklagte,sagte mein Bruder, er stehe auf dem Dachboden, wegen deranderen. Neue Hoffnungen und Pläne, ihn aufzusuchen, keimtenauf. Des anderen Tages schlich ich mich während des Unterrichteshinaus, kroch die hohen Treppenstufen auf allen Vieren empor.immer horchend wie ein Dieb, ob sich nicht eine Wohnungstüreöffne. Kaum daß meine Augen den weiten Dachboden überblickenkonnten, erlebte ich abermals den Schmerz der kleinen Betrügerei.Alles leer, nichts Grünes, mit Tüten Behangenes, wie ich es mirso lebhaft eingebildet hatte; nur aufgehängte Wäsche, Mehltruhenund Bodengerümpel. Merkwürdigerweise erhielt ich an diesemTage nach der Stunde vom Lehrer eine Zuckertüte, die dochwieder dem Zuckerbaum entstammen sollte. Welche Gutmütig-keit und Einfalt verlangt man von den Kleinen! Und sie habensie auch, weil ihr Vertrauen zu den Erwachsenen ein unbegrenztesist und so lange ausharret, bis es roh erschüttert wird." 10) Dersentimentalen kinderpsychologischen Schlußfolgerung geben wirheute eine ganz andere Wendung: Wir wüßten viel lieber, obman auch in anderen Dörfern des Egerlandes an diesen Zucker-baum glaubte, ob auch dort der Lehrer solche Zuckertüten aus-teilte? Die Atlaskarte zeigt einige Belegpunkte im Egerland wieim anschließenden Nordböhmen, neben den häufigeren Belegenfür das Geschenk von Süßigkeiten und von Geld. Die Geschichtevon dem Zuckertütenbaum ist auf jeden Fall weiter verbreitetgewesen. Bei der Sammlung der Atlasbelege ist sie auch fürMitteldeutschland festgehalten worden:„ In Thüringen( Wiehe)sagt man, in seinem Keller habe der Lehrer einen Baum, daraufwachsen noch mehr solche Tüten, wenn das Kind brav sei." 11)Da ließe sich zu dieser Sonderform also noch manches gewinnen,und eine besondere Karte für diesen Glaubenszug wäre wohlmöglich und vielleicht aufschlußreich; davon aber unten nochmehr.
Versucht man nun, an Hand von weiteren Selbstbiographienden Zeugnissen für Zuckertüten zum Schulanfang in Süddeutsch-land nachzugehen, so findet sich sehr wenig, und sogar an diesemwenigen muß Quellenkritik einsetzen. Ein aufschlußreiches Zeug-nis hat der einstmals sehr bekannte Schriftsteller Paul Oskar10) Joseph Meder, Von der Scholle herauf. Lebenserinnerungen.Wien 1928. S. 31 f.
11) Beitl, Deutsche Volkskunde, S. 136.
Dieser Zuckertütenbaum hat übrigens nichts mit der Bezeichnung„ Zuckerbaum“ für den Christbaum zu tun, die auch ein ganz anderesVerbreitungsgebiet besitzt. Vgl. dazu Hugo Hepding, Der Zuckerbaum( Hessische Blätter für Volkskunde, Bd. XXX/ XXXI, 1932, S. 257 f.).
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