Zur Frage der interethnischen Beziehungen in
der Sprachinselvolkskunde"
Von Ingeborg Weber- Kellermann
Und wo sich die Völker trennengegenseitig im Verachten,
keins von beiden wird bekennen,daß sie nach dem selben trachten!Goethe, West- östlicher Diwan,Buch des Unmuts
Als Gustav Jungbauer im Jahre 1930 seinen Aufsatz überdie Sprachinselvolkskunde" 1) schrieb und nach ihm WalterKuhn seine große„, Deutsche Sprachinselforschung" 2) herausgab,trugen sie damit entscheidend zur Errichtung eines Denkgebäudesbei, in dem sich der Großteil einer ganzen Volkskundlergenerationhäuslich einrichtete und aus dem mancher von ihnen bis heutenicht herausgefunden hat 3). Schien nun das Untersuchungsgebietin Ost- und Südosteuropa mit dem Kriegsende zunächst versperrt,so eröffnete das folgende Jahrzwölft mit seinen Massenzwangs-
1) Sudetendt. Zs. f. Vkde. Bd. III, 1930, S. 143-150 und 196-204.2) Plauen 1934. 407 S.
3) Kuhns gründliches Werk, das von einer großen Sach- undLiteraturkenntnis zeugt und in dem er sich sehr sorgfältig um diehistorische, psychologische und soziologische Analyse der kompliziertenkulturellen Entwicklungsvorgänge innerhalb der deutschen Minder-heitengruppen bemüht, mußte notwendig auf halbem Wege steckenbleiben bei einer ideologisch so begrenzten und einseitigen Zielsetzung.wie sie ständig hinter den einzelnen Abschnitten hervorscheint und wiesie dann im Schlußkapitel deutlich ausgesprochen wird( S. 400):„ Hinterallen Untersuchungen der Kräfte und ihrer Wirkungen steht in derSprachinselforschung, gefühlsmäßig oder bewußt, stets die eine Frage.fördern oder hindern sie die Erhaltung des Deutschtums? So wirdes eine Grundaufgabe der Sprachinselforschung, die wissenschaftlicheFormel für die volksbewahrenden Kräfte zu finden." Daß solche Auf-gabenstellungen nicht Ergebnisse wissenschaftlicher Reifung, sondernvielmehr politischer Reizung sind, zeigt ein Vergleich mit seinem freilichrecht widersprüchlichen, aber in vieler Hinsicht objektiveren, 1926 ge-schriebenen Aufsatz: Versuch einer Naturgeschichte der deutschenSprachinsel( Dt. Bll. i. Polen Bd. III, H. 2, S. 1-140), in dem er u. a. aufS. 131 von der„ Achtung vor der anderen Nation, der Erkenntnis ihrerEigenart und der Heilsamkeit eines gegenseitigen Wertaustausches“spricht.
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