der Verfasser griechische Bräuche und griechischen Glauben betrifft, esrichtiger gewesen wäre, Schriften von griechischen Theologen zu Ratezu ziehen, als das Buch des russischen Metropoliten. Bekanntlich sinddie russischen Theologen zum Mystizismus und zur mystischen Kult-erklärung geneigt. Ferner erweist zwar das griechische Volk den Bil-dern der Heiligen Ehre und Huldigung, hält aber nicht„ prinzipiell",wie die Verfasser sagen, jede geweihte Ikone für ein„ Gnadenbild“( S. 31). Nur wenn ganz besondere Umstände, nämlich seltsame Begleit-erscheinungen bei seiner Auffindung und seine erwiesene Wunderkraft,vorliegen, wird einem Bild, nicht nur von unserem Volk, sondern auchvon den Anhängern der Römisch- Katholischen Kirche, den Verfassernnach( S. 30) eine Wunderkraft beigemessen, und zwar in diesem Sinne,daß dadurch die Gottesgnade auf die Gläubigen wirkt. Es gibt also imWesentlichen auch dogmatisch keinen Unterschied zwischen der Griechi-schen und der Römischen Kirche, manche vereinzelte Übertreibungen,wie sie bei den Volksmenschen in den beiden Kirchen vorkommen,seien hier übergangen. Dies Mißverständnis ist auch sonst bei hetero-doxen Schriftstellern üblich. Es ist dem Umstand zuzuschreiben, daß sieder dogmatischen Voraussetzungen und der Lehre der griechischenKirchenväter unkundig sind. Es genügt auf die Abhandlungen vonI. Karmiris:„ Synopsis tes dogmatikes didaskalias tes orthodoxuKatholikes Ekklesias"( Sonderdruck aus„ Epistemonike Epeteris tesTheologikes Scholes tou Panepisteniou Athenon", 1955-1956, S. 107)und„ He dogmatike_didaskalia tou Joannu Damaskenu"( Sonderdruck„ Threskentike Enkyklopaideia“, Bd. 3, Athen 1940, S. 61-65) hin-
aus
zuweisen.
S. 126 wird die Oster- Liturgie im Kloster von Syme, welcher dieVerfasser als Gäste des Klosters beiwohnten, beschrieben. Es wird aberdem Leser nicht erklärt, warum während der Zeremonie, die draußenim Klosterhof stattfand, die Kirchentür fest verschlossen war und warumder Presbyter sie am Ende mit einem kräftigen Stoß öffnete, woraufdie Versammelten wieder feierlich in die Kirche einzogen. Die Erklä-rung, die sie hätten geben sollen, ist diese: es handelt sich hier umeinen dramatischen Akt, wobei der in der Kirche eingeschlosseneDiakon anderswo der Küster bei dem liturgischen Wechselgesangzwischen draußen und drinnen den Teufel darstellt, welcher der mensch-lichen Erlösung im Wege steht und vom Priester, der den auferstan-denen Christus symbolisiert, mit Gewalt aus der Kirche vertriebenwird.
S. 143. Die Erklärung für die Entstehung der christlichen Grotten-kulte, die die Verfasser vom Volk vernahmen, daß nämlich„, die Christensich während der Türkenzeit zu ihren Andachten in solche Höhlenzurückziehen mußten, um vor Verfolgung sicher zu sein“, entbehrtgewiß der historischen Grundlage. Das kann jedenfalls nur für einigeGegenden von Kleinasien, d. h. Kappadokien und Pontus, gelten, wotatsächlich der religiöse Fanatismus der Türken die Christen zwang, insolche Höhlen Zuflucht zu suchen. In den Ländern aber der einstmalsEuropäischen Türkei war den Christen die Andacht in den Kirchenschon von der Eroberungszeit an erlaubt. Kein Zweifel also, daß dieGrotten, wenigstens in diesen Ländern, die Nachfolge antiker Kult-stätten angetreten haben. Die in den kretischen Grotten aufgefundenenÜberreste von Opfer- und Weihegaben aus der minoischen bis zurersten christlichen Zeit( 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr.) sind ein Beweisdafür, daß ein Kult im Verlauf von vielen Kulturen und Religionen in
54