Leopold Schmidt, wonach die Volkskunde die Wissenschaft vom Lebenin überlieferten Ordnungen sei, erscheint Koren als zu allgemein, weilsie auch für die völkerkundliche Substanz ohne weiteres passe. Es magdies damit zusammenhängen, daß in den knappen Abhandlungen vonSchmidt der Traditionsbegriff nicht scharf genug herausgearbeitet ist.Tradition im allgemeinen begegnet uns ja überall in der Kultur-geschichte; ohne sie ist menschliches Leben kaum möglich; für denBereich der Volkskunde müßte der Bereich des Traditionsbegriffes aufdiejenigen Phänomene eingeengt werden, die so eingespielt sind, dafsie bereits ungerührt und fraglos gelebt werden. Derartig funktio-nierende Traditionen wird man in gleicher Weise sowohl in der Familiewie in der Nachbarschaft, wie schließlich auch in der Nation beobachtenkönnen. Es erscheint deshalb überflüssig, den Begriff Volk oderNation noch eigens in die Definition der Volkskunde einzubeziehen. Esist schließlich selbstverständlich, daß auch die im letzteren Bereich sichauswirkenden Überlieferungen mit in die Untersuchung einbezogenwerden und es ist nirgendwo ersichtlich, daß Schmidt sie etwa aus-geschlossen haben will. Auf eine Einzelheit auf S. 29 sei zum Ab-schluß noch kurz eingegangen. Koren bringt hier zum Ausdruck, daßein sogenannter Entwurzelter" dieselben Dinge tun oder denkenkönne als ein in der natürlichen Gemeinschaft Stehender, daß diesdann aber etwas ganz anderes sei. Abgesehen davon, daß zunächst dasaußerordentlich schwierige Problem der Entwurzelung zu klären wäre.scheint mir der angezogene Fall nicht ganz richtig erkannt. JederMensch, der gemeinschaftsgebundene Dinge" tut, steht damit in einerseinem Lebensbereich angemessenen Ordnung. Verschieden sind ledig-lich die Maße und die Gewichte, der Unterschied ist graduell und nichtwesenhaft. Die verstehenden Betrachtungen mögen vom Verfasserdes Buches nicht als eine wertende Kritik angesehen werden, sondernals Überlegungen, die der Schreiber dieses bei der Lektüre seinesWerkes angestellt hat. Den Studierenden der Volkskunde sei die Be-schäftigung mit dem Korenschen Werk auf jeden Fall empfohlen. DieKenntnis möglichst vieler Betrachtungsweisen bleibt stets gewinnbrin-gend: jede führt auf ihrem Wege an das Problem heran und die per-sönliche Anteilnahme des Verfassers am dargebotenen Stoff, die überallzu spüren ist, wird das Interesse des Lesers gewährleisten.
Rudolf Kriss.Alois Kieslinger, Veröffentlichungen von Dr. Franz Kieslinger( 1891-1955). Wien 1955( Maschinschrift vervielfältigt), 10 Seiten.
Anläßlich des Todes unseres langjährigen Mitgliedes, der auch zuden Sammlungen des Museums beigetragen hat, des KunsthistorikersFranz Kieslinger, hat sein Bruder eine sehr nützliche Bibliographicder verstreut erschienenen wertvollen Arbeiten des Verstorbenen her-ausgegeben, auf die hier besonders aufmerksam gemacht werden soll.Leopold Schmidt.
Otfried Kastner, Eisenkunst im Linde ob der Enns. Linz 1954,Oberösterreichischer Landesverlag, 179 Seiten, 131 Textabbildungen,86 Lichtbilder.
Wenn von Eisen die Rede ist, denkt man in Österreich mit Rechtzuvörderst an die Steiermark. Um die Überzeugung von einem„, histo-risch begründeten Prioritätsrecht"( vgl. Kastner, Eisenkunst, S. 7) desEisenschaffens im Lande ob der Enns aussprechen zu können, war esnotwendig, eine grundlegende Untersuchung über die Eisenverarbei-
70