Jahrgang 
58 (1955) / N.S. 9
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Die Stammsage des altmakedonischen

Königshauses

Von Karl Spie( Fortsetzung)

Vergleichsstoff

Was Cicero in der Schrift de divinatione( I 25, 46) nach denPersica des Dion von Kyros anführt, steht der makedonischenStammsage in gewisser Hinsicht nahe. Kyros habe im Schlafe zuseinen Füßen die Sonne gesehen und dreimal vergeblich mit denHänden nach ihr gegriffen, indes sie, sich zusammenrollend, ihmentglitt und davonging. Das wurde als ein Vorzeichen für einedreißigjährige Herrschaft angesehen. Die Überlieferung ist nichtmehr in Ordnung, denn sie drückt das vergebliche Streben desNichtberufenen nach dem Herrscherglanze aus.

Livius berichtet( 1, 39), unter der Regierung des TarquiniusPriscus habe in der Königsburg das Haupt eines Knaben, dessenNamen Servius Tullius, war, im Schlafe von einer Flamme ge-leuchtet. Man dachte an Feuer und brachte Wasser zum Löschenherbei. Während der allgemeinen Aufregung erschien die könig-liche Familie. Auf Befehl der Königin, der überlegenen Tanaquil,wurde der Knabe nicht angerührt, bis er von selbst vom Schlafeerwachte. Mit dem Schlafe verschwand die Flamme. Die Königinnahm ihren Mann beiseite und deutete ihm die Erscheinung: DerKnabe besitze das Licht des Heiles und werde dem Königtum inbedrängter Lage ein Retter sein.

Des strafferen Zusammenschlusses halber soll gleich dieskythische Stammsage bei Herodot( IV, 5) folgen. Targitaos, derStammvater der Skythen hatte drei Söhne. Zu dieser Zeit fielenvom Himmel goldene Geräte herab, ein Pflug, ein Joch, ein Beilund eine Schale. Der älteste der Söhne sah es zuerst, ging hinzuund wollte sie aufnehmen. Das Gold aber brannte, als er heran-kam. Da kehrte er um. Nun ging der nächste hinzu. aber dasGold machte es genau so. Diese beiden wehrte das brennendeGold ab. Als aber der dritte, der Jüngste, herankam, brannte esnicht mehr und er trug es in sein Haus. Die älteren Brüderstanden zurück und überließen das ganze Königreich dem Jüngsten.

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