Artur Kutscher, Matthias Insam, Anton Dörrer.Von den zwölf Söhnen Jakobs des Patriarchen. Ein altes deutschesJosephspiel. Herausgegeben und nach der Axamer Handschrift von1678 ergänzt( Die Schaubühne. Quellen und Forschungen zur Theater-geschichte Bd. 45) VIII und 154 Seiten. Emsdetten( Westf.), VerlagLechte, 1954.
Die unerschöpflich reiche und wichtige biblische Erzählung von derBerührung des Hirtenstammes Israel mit Ägypten hat jederzeit zuNacherzählungen und Dramatisierungen angeregt. Die Anteilnahmeunserer Zeit ist durch die großartige Josef- Tetralogie Thomas Mannsam stärksten bezeugt. So besteht also noch ein zusätzlicher Grund.auf diese hier vorliegende Volksschauspielforschung aus dem Stoff-bereich des Ägyptischen Joseph" hinzuweisen. Freilich muß der Hin-weis auch schon deshalb erfolgen, weil die Arbeit in der an sich sehrverdienstvollen theaterwissenschaftlichen Schriftenreihe Carl Niessensund Artur Kutschers erschienen ist, die im Bereich der Volkskundenicht allzu bekannt ist. Mit Unrecht, da in dieser Reihe auch so mancheVolksschauspielarbeit erschienen ist, und weiters viele der besondersdarin veröffentlichten Niessen- Dissertationen allgemein kulturhisto-risches Interesse beanspruchen können.
Der hier vorliegende Text des Josephspieles von Axams ist aberauch an sich besonders bemerkenswert. Es handelt sich um den Textzweier Handschriften, von 1677 und 1678, die im letzten halben Jahr-hundert merkwürdige Schicksale durchgemacht haben. Die ältere davonbefindet sich im Besitz des Münchner Theaterhistorikers Kutscher selbst,eines großen Anregers der Volksschauspielforschung. Die jüngere istnach längeren Irrfahrten, die sie unter anderem auch nach Wienbrachten, nun wieder nach Axams heimgekehrt. Der bewährte Vor-kämpfer der Tiroler Volksschauspielforschung, Anton Dörrer. hat be-reits mehrfach darüber berichtet, so z. B. in dem Artikel Zwei Hand-schriften des Axamer Josefspiels"( Die Warte. Beilage der Österrei-chischen Furche, Nr. 37 vom 11. Sept. 1948, S. 2). Er betreut ja auch seitvielen Jahren das Aufführungswesen von Axams. Sein Büchlein Axams.Die Heimat Karl Schönherrs" hat 1936 die geschichtlich und volks-kundlich erfaßbare Welt dieses Dorfes auf dem Innsbrucker Mittelge-birge feinsinnig und erkenntnisreich erschlossen. So hat er nun auchdie Neuaufführungen des alten Josefspieles in Axams und das Erschei-nen dieses Textes unermüdlich gefördert. Das in Buchform vorliegendeErgebnis wird das dauernde Denkmal seiner Anteilnahme bleiben.
unsrer
Bei so viel Bemühen fragt man sich nun, was zur Erschließungeines derartigen Textes aus der vielleicht dunkelsten Zeitneueren Volkstheatergeschichte heute geboten wird. Artur Kutscherhat, um die Reihenfolge der Beiträge einzuhalten, ein kurzes..Theater-wissenschaftliches Vorwort" beigesteuert, im wesentlichen eine inhalt-liche Aufgliederung des Schauspieles, die den Text als„ biederes Volks-schauspiel von den komplizierteren Bearbeitungen des Stoffes imOrdensdrama abzuheben trachtet. Matthias Insam gibt eine Sprach-geschichtliche Einführung", in der er die Sprache des Stückes als., süd-bairisch", im engeren Sinn als tirolisch kennzeichnet. Freilich zeigt derText bei der Lesung im Zusammenhang, daß mehr allgemeine Zügeder oberdeutschen Verkehrssprache des späten 17. Jahrhunderts vor-liegen als lokale Formen. Die stark betonte Annahme, daß es sich umeine das volkstümlich- bäuerliche Milieu betonende Redeart handle, wirdman bei einiger Kenntnis der volkstümlichen Dichtersprache der Zeitwohl nur abgeschwächt übernehmen können; von bäuerlicher Art kann
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