Der Schuß auf den toten König
Von Leopold Schmidt
Volkstümliche Dichtung und Bildkunst des 16. Jahrhunderts habenmit einer gewissen Vorliebe ein Thema der mittelalterlichen Legenden-literatur aufgenommen, das vor einigen Jahren durch die Diskussionzwischen Anton Dörrer und mir wieder etwas geläufiger gewordenist). Es handelt sich um die aus den Gesta Romanorum bekannteGeschichte von den Königssöhnen, die sich über ihr Erbe nicht einigenkönnen und deshalb zu einer unmenschlichen Prüfung getrieben wer-den: wer von ihnen das Herz des toten Vaters treffen werde, der sollesein Reich erben. Der Leichnam des Vaters wird ausgegraben, und dieunechten Söhne schießen wirklich nach seinem Leib, wogegen der echtesich weigert, einen solchen Frevel zu begehen. Deshalb wird er alsder echte und einzig würdige Erbe anerkannt 2). Die Motiverzählungkam dem Jahrhundert der Reformation besonders gelegen, manchedichterische Fassungen deuten mehr oder minder kräftig an, daß nurdie von ihnen vertretene Konfession dem echten Erben gleiche, unddie anderen, wetteifernden, jenen unwürdigen Söhnen ähnlich seien,die demgemäß das Erbe des Vaters verlieren müßten.
Das Motiv ist auch in die Bildkunst des Jahrhunderts einge-gangen. Hans Baldung, genannt Grien, hat bereits 1517 den Schuß derdrei Söhne auf den toten König in einer Federzeichnung gestaltet ³).Dennoch ist die literarische Beziehung des Motives nicht immer er-kannt worden. Es sei deshalb erlaubt, hier auf eine bisher nicht indiesen Zusammenhang gerückte Darstellung aufmerksam zu machen,die für die Bewertung des Stoffes besonders bezeichnend erscheint.Anläßlich der neuesten Publikation der Schätze der Schatzkammernder Residenz zu München ist nämlich eine schöne Goldschmiedearbeit
1) Leopold Schmidt. Zur Stoffgeschichte des Ordensdramas inOberösterreich( Oberösterreichische Heimatblätter, Bd. I. Linz 1947,S. 277 f.).
Anton Dörrer, Das Spiel vom toten König aus Bozen( DerSchlern. Bd. 21, Bozen 1947, S. 345).
Leopold Schmidt. Zum Stoff des Steyrer Dominikanerspieles von1628( Österr. Zeitschrift für Volkskunde, Ñ. S. Bd. II, 1948, S. 195 ff.)Anton Dörrer, Totentanz und Dominikanerspiel( Österr. Zeit-schrift für Volkskunde. N. S. Bd. II, 1948, S. 198 ff.).
2) Gesta Romanorum. Das älteste Märchen- und Legenden-buch des christlichen Mittelalters. Mit einer Einführung von HermannHesse. Leipzig o. J. S. 31 f.
3) Dörrer, wie Anmerkung 1( Österr. Zeitschrift für Volkskunde,N. S. Bd. II, 1948, S. 198) nach Josef Nadler. Literaturgeschichte derdeutschen Stämme und Landschaften.
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