Jahrgang 
58 (1955) / N.S. 9
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Die Stammsage

des altmakedonischen Königshauses

Von Karl Spieß

Herodotos) teilt im 8. Buche, c. 137, nachdem er von Alexan-dros I. als Abgesandten des Mardonios nach Athen gesprochen,die Stammsage des altmakedonischen Königshauses mit. Sielautet: Des Alexandros siebenter Ahnherr ist Perdikkas, der dasKönigreich der Makedonen auf diese Art erwarb. Aus Argosflohen zu den Illyrern von den Nachkommen des Temenos dreiBrüder, Gauanes, Airopos und Perdikkas. Von den Illyrerngingen sie hinüber in das obere Makedonien und gelangten zurStadt Lebaia. Dort dienten sie bei dem Könige um Lohn. DerÄlteste hütete die Rosse, der Zweite die Rinder, der Jüngste vonihnen, Perdikkas, das Kleinvieh. In alten Zeiten waren auch dieHerrscher auf Erden arm an Geld und nicht bloß das Volk. Sokochte den Brüdern die Frau Königin selbst die Speisen. So oftnun das Brot des Knechtleins, des Perdikkas, gebacken wurde,ging es doppelt so groß auf. Weil dies immer geschah, sagte dieKönigin es ihrem Manne. Als der davon hörte, erkannte er so-gleich, daß dies ein Wunderzeichen wäre und auf etwas Großesdeute. Er rief die drei Knechte herbei und gebot ihnen, seinLand zu verlassen. Die aber sagten, sie müßten erst ihren Lohnhaben, dann wollten sie gehen. Gerade schien die Sonne durchdas Rauchloch in den Raum, wie der König von Lohn hörte.Da sagte er in seiner Verblendung: Das hier ist ein für euchangemessener Lohn!" und zeigte dabei auf den Sonnenschein.Gauanes und Airopos, die beiden älteren Brüder, standen be-troffen da, als sie das hörten. Der Knabe aber, der gerade einMesser bei sich hatte, sagte: König, wir nehmen deine Gabean!" und umschrieb mit dem Messer den Sonnenschein auf demBoden des Raumes. Nachdem er das getan, schöpfte er dreimalvon dem Sonnenschein in den Bausch seines Gewandes. Dann

*) Die vorliegende Arbeit wurde im Spätherbste_des Jahres 1953niedergeschrieben. Nun erschien knapp vor deren Drucklegung derBeitrag von Wilhelm Brandenstein. Die Reichsgründersage desmakedonischen Herrscherhauses, in der Festschrift für Julius FranzSchütz, Graz 1954, S. 54 ff. Ob die vorliegende Sage ein Drei- Brüder-Märchen ist, ob es ein Drei- Brüder- Märchen gibt, in dem die dreiBrüder in Vögel verwandelt werden, und ob die hiefür aufgestelltenNamensherleitungen für die in Betracht kommende Zeit und das Landmöglich sind, dazu mögen andere Stellung nehmen.

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