steht für uns als quellenmäßige Schilderung da. Der dichterischungemein glückliche Ausgriff auf den in der Erinnerung Grill-parzers so auffällig lebendigen Brauch soll hier nicht weiter be-sprochen werden. Hier gilt vielmehr, die Stelle des Trauerspielesals volkskundliche Aufzeichnung aufzufassen und ihrer Bedeu-tung nach zu überprüfen. Handelt es sich doch um einen Brauch,der uns aus verschiedenen Wallfahrten auch noch der Gegenwartwohl bekannt ist. In den Schilderungen von Maria Stip findet ersich freilich nicht belegt, möglicherweise ist er in den letztenJahrzehnten nicht mehr geübt worden 5). Es gibt jedoch inBöhmen eine Wallfahrt, von der der Brauch gut bezeugt ist,nämlich die berühmte Kapelle zur Verklärung Christi auf demBerge Tabor bei Chlum im Jitschiner Kreis.„ Am Fuß des Bergesbefindet sich ein Brunnen, in welchen die von allen Seiten zu-strömenden Wallfahrer kleine aus Holz geschnitzelte Kreuzewerfen, in der Meinung, daß derjenige, dessen Kreuz am Bodenliegen bleibt, binnen eines Jahres sterben, der aber, dessen Kreuzwieder heraufkömmt, das Jahr überleben werde""). Der Brauchist also völlig identisch mit dem von Grillparzer für Maria Stipfestgehaltenen. Ob die Kreuze aus Reisig gebunden oder ausHolz geschnitzt wurden, hat nicht einmal als kleine örtliche Ver-schiedenheit Bedeutung. Das Orakel des Schwimmens oder Ver-sinkens der in das Wasser geworfenen Holzkreuzchen wirdjedenfalls durch die Schilderung der Taborkapelle ganz deutlichgemacht. Man sieht, Grillparzers Beschreibung ist also sehr ge-nau, und nur der Inhalt der verlangten Prophezeiung fehlt,wie man wohl annehmen darf, aus wohlbegründeter dichterischerAbsicht.
Der Wallfahrtsbrauch war und ist nicht auf Böhmen undMähren beschränkt. Es sei hier nur darauf hingewiesen, daß dieöstlichen Alpenländer, also Steiermark und Kärnten, gleiches undähnliches Brauchgut kennen. Beim Brünnlein in Weisberg inKärnten beispielsweise soll man, bevor man das Heilwassertrinkt, zwei kreuzweise gesteckte Hölzchen hineinwerfen. Gehensie unter, so stirbt man noch dieses Jahr). An den Wallfahrts-brünnlein der Ostalpen herrscht aber noch ein weiterer Kreuzlein-Brauch. Derartige improvisierte Zweigkreuzchen werden nämlich
5) Alfred Hoppe, Des Österreichers Wallfahrtsorte. Wien 1913,S. 604 ff.
6) Otto von Reinsberg- Düringsfeld, Fest- Kalender ausBöhmen. Ein Beitrag zur Kenntnis des Volkslebens und Volksglaubensin Böhmen. Prag 1861, S. 396 f.
7) Georg Graber, Sagen und Märchen aus Kärnten. Graz 1935,S. 320.