lebenden der älteren Generation haben, in Vorahnung dieser Ent-wicklung, das Ihre von ihrem Standpunkt aus getan. Das größteBeispiel dafür ist Thomas Manns„ Doktor Faustus“ 12), der die Zen-tralgestalt des humanistischen Volks- und Gelehrtenglaubens nachder Erzählung des Volksbuches des 16. Jahrhunderts, nicht etwanach der Glorifizierung und Rettung durch Goethe, wieder auf-nimmt 13). Es ist sehr bezeichnend, daß der Faust- Gedanke solebendig ist, daß ein großer österreichischer Maler, Anton Kolig,eine Faust- Darstellung in seinen Entwurf zum großen Glas-fenster von St. Stephan aufnahm 1). Da knüpft offensichtlich dieGeheimüberlieferung des alten Volksglaubens mit ihren unzähl-baren literarischen Fäden an die Gestaltungen vor Maschinen-zeitalter, vor Aufklärung, vor Rationalismus, an die Wunder-männer der Renaissance wieder an.
Andere gehen noch weiter zurück, und suchen nicht die Magiedort, wo sie sich zuletzt so mächtig geoffenbart hatte, sondernwollen die mythischen Bilder, die anscheinend unsterblich sind,und in glücklicher Schaffensstunde immer wieder neugeformtwerden können. Die antike Mythologie hat in den letzten Jahrenals Kleid der verschiedensten Gegenwartsgestaltungen herhaltenmüssen. Ernsthaft, das heißt vom mythisch Schöpferischen her auf-gegriffen, hat sie wohl nur Hermann Kasack in seinen neuestenProsawerken. Die Gesamtsituation in seinem großen Roman ,, DieStadt hinterm Strom“ 15) mutet so gespenstisch wie die in KubinsAnderer Seite" an. Der Bezirk der maschinenzeitlich klaren Vor-stellungswelt ist verlassen, und das Erlebnis des Bombenkriegeshat den Dichter in ein gespenstisches Halb- Jenseits, eine kalteVorhölle getrieben, die von Sagen- und Märchenzügen der ver-schiedensten Art durchweht wird. An Einzelheiten ließe sich davieles herausheben, was direkt auf lebenden Volksglauben zu-rückgeht, etwa das Herabbrennen der Lebenslichter in der wun-derbaren Abschiedsszene¹). Machtvoller, und sicherlich gedanklichauch wichtiger ist jedoch die Erneuerung des Sisyphos- Mythos in
12) Thomas Mann, Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Ton-setzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde. Wien 1948.
13) Vgl. dazu Thomas Mann, Die Entstehung des Doktor Faustus.Roman eines Romans. Wien 1949. Aus der übrigen Literatur über dasWerk besonders beachtenswert die katholisch- konfessionell gebundenepolemische Studie von Gertrud Fußenegger, Die Dichtung ohneGnade. Zu Thomas Manns Roman„ Doktor Faustus"( Der Standpunkt,Meran 1950, 10. März, S. 7 f., 17. März, S. 7 f., 24. März, S. 7 f.).
14)( A. Fischer), Anton Kolig. Salzburg 1948. Letzte, unpaginierteSeite des Werkverzeichnisses.
15) Hermann Kasack, Die Stadt hinter dem Strom. Frankfurtam Main 1949.
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16) Kasack, ebendort, S. 480 ff.