Jahrgang 
54 (1951) / N.S. 5
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Wer wach und aufmerksam geblieben war, hatte ja dasWeiterleben der unsterblichen Regungen des Volksglaubens ge-rade in den Kreisen der eigentlichen Geisteskultur nie überhörenund übersehen können. In der bildenden Kunst ließ es sich etwaam steten Weiterwachsen des Lebenswerkes Alfred Kubins deut-lich ablesen). Wie sein Geistesbruder James Ensor bot auch erjeder Zeit einen künstlerischen Spiegel dar, in dem nicht die an-gebliche Wirklichkeit, sondern deren Traumbild, vielleicht derenandere, nächtliche Wirklichkeit also, zu sehen war.

Die Jahre der technischen Blütezeit in der Friedlichkeit desAlltags gingen schnell dahin. Mit einem Mal hatte sich die ganzeWelt verwandelt, und die technische Welt wurde durch den Krieg,den Kubin oft genug als Gespenst aus der irrealen Welt derTräume beschworen hatte, zur gräßlichsten Wirklichkeit, zu einerRealität zwar, jedoch einer, an die man nicht zu glauben ver-mochte. Die Wirklichkeit wurde zum Gespenst. Kein Wunder, daßebenso rasch die Gespenster, die Traumbilder, zu Wirklichkeitwurden. In den zerstörten Seelen der Leidenden, in den aufge-wühlten Seelen der Künstler. Alles, was seelisch verschüttet schien,kam an diese beiden Oberflächen des Leidens und des Gestaltens.

Noch mitten im Krieg, als ein starrer Zwang die deutscheKunst in der Gestaltungswelt einer längst versunkenen Epochegefangenhielt, erschien ein Werk, das nur aus dieser Verkehrungder beiden Hälften des Lebens zu verstehen war: Ernst JüngersAuf den Marmorklippen 8). All die Züge des Nächtlichen, Gro-tesken, Unwirklichen, und dabei doch Prophetischen, die der WeltKubins, der Welt seines Romanes Die andere Seite 9) eigenwaren, fanden sich hier nicht nur wieder, sondern waren mit derunheimlichen Konsequenz eines Nachtwandlers zwischen Welten-trümmern zu einem Gegenbild des Kriegs- Alltags gestaltet wor-den. Für den volkskundlich geschulten Beobachter war dabei ambemerkenswertesten, daß diese ebenso grause wie krause Weltsich vielfach der Züge des Volksglaubens bediente. Der Grunddafür hat sich erst in den letzten Jahren, besonders seit dem Er-scheinen von Jüngers Kriegstagebuch Strahlungen" herausgestellt: Jünger, und er steht hier nur als Beispiel für eine ganzekünstlerische Gruppe, Jünger hebt die volksglaubensmäßigenZüge, die sich in seinem Werk finden, nicht nur aus seinem Inne-ren heraus, er sammelt sie auch sorgfältig in seiner Umwelt. Da-

7) Vgl. Katalog der Ausstellung Alfred Kubin zum 70. Geburts-tag. Veranstaltet vom Institut für Wissenschaft und Kunst und derGraphischen Sammlung Albertina. Wien 1947.

8) Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen. Hamburg 1941.9) Alfred Kubin, Die andere Seite. Ein phantastischer Roman(= Galerie der Phantasten, Bd. 5) München und Berlin o. J.

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