Sachlichkeit hatte nicht nur der Architektur, sondern auch vielenanderen Lebensäußerungen ihren Stempel aufgeprägt. Der Stildes Maschinenzeitalters war überraschend stark zum Durchbruchgelangt. Die Einführung von Stahl und Glas in das Wohnmöbelbedeutet eines der deutlichsten Zeichen dafür. Der Ersatz desHauses durch die Wohnmaschine, womöglich ohne das gewohnteDach in herkömmlicher Form, sondern nur flach gedeckt, bedeuteteines der sichtbarsten Sinnbilder der Zeit: kein längeres Ver-harren bei den eingelebten Typen, die vielleicht Gestaltwerte be-sitzen konnten, sondern Reduktion auf geometrische Formen. NichtHäuser, sondern Würfel. Das war die architektonische Umsetzungdessen, was in der Malerei bereits während des ersten Welt-krieges begonnen hatte: die Auflösung der bisher für organischgehaltenen Formen und deren Ersatz durch geometrische, kubisti-sche Konstruktionen. Die bildende Kunst begann jene Abstrak-tionsfreude darzustellen, die der technisierten Großstadtmensch-heit von der Arbeit mit der Maschine zusammen längst in dentäglichen Lebensrhythmus übergegangen war. Aus dieser ver-doppelten Mechanisierung im Leben und in der Kunst war offen-sichtlich jede Spur von nächtlichem Dunkel, von einem Lebenaußerhalb dieses technischen Daseins geschwunden. Ein Fortschrittder ratio, der rechnerischen Vernunft, wie er seit den Tagen derersten Aufklärer erträumt worden war, schien endlich und end-gültig verwirklicht zu sein ³).
Als die große Masse der Lebensgestalter, Architekten, Malerund anderen Verwalter des Zeitgeistes so weit gekommen war.hatte sich die Avantgarde der Kunst längst in andere Bereichebegeben. Es war vom Standpunkt der beobachtenden Volkskundeher überaus anziehend anzuschauen, wie die Zirkel der Geheim-wissenschaften ständig wuchsen, und welche Neugestaltungen derMagie dabei zutage traten 4). Für die bisherige Forschung war esfreilich schwierig, an diese neuen Probleme unvoreingenommenheranzugehen. Bisher hatte man sich hauptsächlich mit dem bäuer-lichen Volksglauben beschäftigt. Hier waren sowohl die Gegen-wartsprobleme erkannt und erhoben worden, wie auch das histo-rische Werden der einzelnen Gestaltungen und ihrer Schichten.Dabei hatte es sich mit voller Deutlichkeit herausgestellt, daß be-3) Vgl. die sehr einseitige, aber geistesgeschichtlich bemerkens-werte Darstellung von Hans Sedlmayr, Verlust der Mitte. Die bil-dende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symbol der Zeit. Salz-burg 1948.
4) Ich habe das in meiner„ Wiener Volkskunde" anzudeuten ver-sucht, ausschöpfen konnte ich das Material in dieser Jugendarbeit nicht.Doch selbst das, was ich 1955 schon zusammengetragen hatte, wurdebei der Drucklegung 1940 durch die nationalsozialistische Zensur nochbeträchtlich verstümmelt. Vgl. also den Rest auf S. 118 ff.
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