Jahrgang 
54 (1951) / N.S. 5
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Die Wiederkehr des Volksglaubens

Von Leopold Schmidt

Vor wenig mehr als zwei Jahrzehnten schien die uralte Weltdes Volksglaubens, die Welt des Glaubens an eine magische undmythische Verbundenheit des Menschen mit den anderen Wesen-heiten und mit dem Sein als Ganzem für die geistig führendenSchichten versunken zu sein. Die junge und mächtig ausgreifendeWissenschaft der Volkskunde, die sich in dieser Zeit ihre erstengroßen Arbeitsbehelfe schuf, vor allem das gewichtige Hand-wörterbuch des deutschen Aberglaubens, dachte nicht an die Ge-genwart, sondern wollte sichten und klären, was ihr seit mehr alseinem Jahrhundert an Quellen über dieses dunkle Gebiet zuge-flossen war. Und daher ging die gebildete Oberschicht an dieserLeistung auch weitgehend achtlos vorüber, sie fand sich davonnicht gespiegelt, nicht innerlich berührt. Nur wenige Artikel die-ser Enzyklopädie hätten auch den Großstadtmenschen von damalsvielleicht ansprechen können: die Artikel über Astrologie, Horo-skop, Okkultismus, Telepathie, Zweites Gesicht und einige wenigeandere¹). Denn eine gewisse Kenntnis dieser Bereiche, gern alsGeheimwissenschaften aufgefaßt, Wissenschaften, in denen freilichnicht geforscht, sondern geglaubt wird, ein gewisses Interesse anden Erscheinungen der Nachtseite des Seelenlebens war auchjenen Jahren nicht verloren gegangen 2). Äußerlich hatte freilichdie technische Kultur weitgehend gesiegt. Die Zeit der Neuen

1) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin1927 bis 1944. Die Vielzahl der Autoren und die lange Erscheinungs-dauer hat das gewaltige Werk recht ungleichmäßig werden lassen. Vorallem wirken die leider neben dem reinen Material dargebotenen Inter-pretationen meist sehr einseitig und zu guten Teilen heute bereitsveraltet. Gerade die hier in Betracht kommenden Artikel sind aller-dings von vorzüglichen Fachleuten geschrieben und werden ihre Gültig-keit länger als die vielen Durchschnittsartikel behalten, welche mit ein-seitiger magistischer Gesamtorientierung auszukommen trachten.2) Diese nirgends wissenschaftlich festgehaltene Tatsache würdesich am ehestens, das heißt wenigstens einem groben Querschnitt nach,aus den Belegen des Buchwesens( Börsenblatt, Kataloge usw.) nach-prüfen lassen. Die Neuauflagen alter Werke über Magie, Kabbalausw. sind freilich auch dort kaum festgehalten, und doch von größterWichtigkeit. Ein Beispiel für viele: Francois Lenormant, Die Magieund Wahrsagekunst der Chaldäer. Originalauflage Paris 1874. Neu-auflage der deutschen Übersetzung unter dem Obertitel Die Geheim-wissenschaften Asiens" Wien 1925.

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