Literatur der Volkskunde.
Viktor von Geramb, Um Österreichs Volkskultur. Salzburg, Otto MüllerVerlag, 1946. 164 Seiten, S 8,80.
Das Werk baut sich auf aus einer Reihe von Abhandlungen, Vor-trägen und Aufsätzen, die im Lauf eines Vierteljahrhunderts entstandensind. Geramb hat sie nicht nur äußerlich sondern auch innerlich im vor-legenden Buch zu einer Einheit zusammengefaßt und umgearbeitet. Esstand dabei der Gedanke im Vordergrund, einen Weg zu zeigen, wieÖsterreichs Volkskultur vor dem Verderb zu retten und organisch weiterzu bilden sei. Das Werk zerfällt in zwei Hauptstücke: I. Grundfragen,II. Kulturarbeit und Volksbildung. In den Grundfragen soll der Leser An-leitung finden, jene Kräfte zu erkennen, auf welchen die Volkskultur be-ruht, im II. Hauptstück soll gezeigt werden, wie diese Kräfte zu pflegenseien, um sie zur Entfaltung zu bringen. Im ersten Kapitel des erstenHauptstückes wird erläutert, was unter„ Volk" zu verstehen ist, von des-sen Kultur die Rede ist. In der Zusammensetzung„ Volkskultur" wirdähnlich wie in den Worten Volksschauspiel, Volkslied, Volkskunst usw.das Wort„ Volk" nicht im Sinn von Staatsvolk oder Kulturvolk gebraucht,etwa zur Bezeichnung einer menschlichen Gesellschaft. die durch Zu-sammenfassung in einem Staatsgebiet oder durch den Besitz einer ge-wissen kulturellen Gleichmäßigkeit zur Einheit zusammengefaßt ist. Volkbedeutet vielmehr in diesen Zusammensetzungen das, was der SchweizerVolksforscher Eduard Hoffmann- Krayer als„ vulgus in populo" oder wasder Heidelberger Philologe Albert Dieterich als„, Mutterboden der Kultur-nation" bezeichnet hat. Dieser Mutterboden begegnet nicht in einem Standallein, etwa dem Bauernstand, obwohl gerade in diesem noch viel vonjener Ursprünglichkeit sich findet, die das„, vulgus" kennzeichnet. Zu ihm.zum Volk im angegebenen Sinn, gehören jene„ möglichst ursprünglichen,bodenständigen Kreise einer gesamten Nation, die die moderne Volkskundeurverbunden nennt"( 14). Volk in diesem Sinn ist nicht etwas Abgeschlos-.senes, auch nicht etwas standesmäßig Abgeschlossenes. Gewiß, im Berg-bauerntum finden sich besonders ausgeprägte Typen im angegebenen Sinn,aber auch in andern Ständen, selbst unter hochgebildeten Menschen schlägtin Augenblicken besonderer Erregung das Ursprüngliche, die geistige Artdes vulgus kräftig durch. Auch im Aberglauben finden wir mitunter beiHochgebildeten solche Züge der Ursprünglichkeit.„ Wer nur bestimmteMenschen oder einen bestimmten Lebenskreis, eine Schichte des Volkesbeobachtet und studiert, der kennt deswegen noch lange nicht das Volk“.( 16). G. will uns aber nicht nur zeigen, wo man Volk im angegebenenSinn findet, sondern auch lehren, es richtig zu sehen. Wie soll man essehen:„ Mit Liebe!... Volkskunde ohne Liebe zum gemeinen Mannist nichts"( 18).
Dankbar muß man G. sein für seine Ausführungen über das so oftgebrauchte, aber auch so oft mißbrauchte und von vielen unverstandeneWort„ Kultur". Kultur ist nach G.„ nicht starr organisierte, sondern lebendentwickelte, organisch wachsende Ordnung, Formung und Gestaltung des
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