Zu unseren Aufgaben
Von Viktor Geramb
Die allgemeinen Aufgaben der Volkskunde als Wissenschaftsind den Schreibern und Lesern dieser Zeitschrift bekannt, so daßsie hier keiner weiteren Erörterung bedürfen¹).
Wohl aber möchten wir an dieser Stelle einen kurzen über-schauenden Ausblick auf die besonderen wissenschaftlichen Auf-gaben zu geben versuchen, die der Volkskunde in Österreich zu-kommen. Sie sind vor allem durch folgende Tatsachen begründet:1. Unser kleines Vaterland birgt stark ausgeprägte Volks-gruppen mit immer noch gut erkennbaren Eigeṇarten und Kulturen.Auch die Rückzugsgebiete alter Volkskultur sind hier noch reichan Resterscheinungen(„, survivals").
2. Die bodenverwachsenen landwirtschaftlichen Berufsgruppen,die im Deutschen Reich nur noch 18% der Gesamtbevölkerungbetragen haben, machen in Österreich immerhin noch 30 bis 40%,in einzelnen Gebieten( wie Tirol) auch noch mehr aus²).
3. Aber auch für die„ Gegenwartsvolkskunde“ bietet die Groß-stadtbevölkerung und die Arbeiterschaft man denke nur an,, die Wiener“ und an die starken Volksgruppen unserer Bergleutenoch viel Beobachtungsstoff, weil sie mit vulgus und Landschaftimmer noch stärker verbunden sind als anderswo.
4. Österreich grenzt im Norden, Osten und Süden an fremdeVölker und ist Treffpunkt und Kreuzungsstraße aller europäischenKulturen, so daß hier das Wechselspiel volkhafter Kulturwellen einbesonders reiches Beobachtungsfeld bietet.
Dieser Tatsachenbericht, der leicht vermehrt werden könnte,soll nur andeuten, wie groß und wie reich die wissenschaftlichenAufgaben der Volkskunde in Österreich sind und bleiben werden.Wiederholt ist es auch bei großen mitteleuropäischen Historiker-oder Volkskunde- Tagungen mit Nachdruck ausgesprochen worden,daß die Welt gerade von Österreich eine besondere Pflege undFörderung dieser Wissenschaft erwarte.
Daß das Bewußtsein solcher Aufgaben in Österreich so alt ist,wie die Volkskunde selbst, werden wir an späterer Stelle noch
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