Zum ersten Band der Neuen Serie
Die Geschichte der österreichischen Volkskunde läßt sich bereitsseit dem Beginn aller Wissenschaft vom Menschen in unserergeschichtlichen Periode verfolgen, seit der Renaissance. In Zeitendes humanistischen Denkens ist sie auch immer wieder aufgenom-men worden und hat daher in der Aufklärung und in dem wissen-schaftsgeschichtlich so bedeutsam gewordenen letzten Drittel des19. Jahrhunderts ihre Hauptförderung gefunden. Es mag also mehrals ein zeitgeschichtlich bedingtes Ereignis sein, daß die Wieder-aufnahme der Tätigkeit der einzigen Zeitschrift, welche in Öster-reich die Volkskunde wissenschaftlich pflegt, in eine Periode fällt,welche einen erneuten Humanismus auf ihre Fahnen geschrieben hat.
Sachlich und wissenschaftsgeschichtlich ist die nunmehr neu-begründete ,, Österreichische Zeitschrift für Volkskunde" ein Gliedin der Entwicklung der gesamten Zeitschriftenpublikation desVereines für Volkskunde in Wien, der tragenden Organisation derVolkskunde in Österreich seit mehr als einem halben Jahrhundert.Michael Haberlandt ließ seiner Gründung des Vereines imJahre 1894 bereits zwei Jahre später, 1896, die„ Zeitschrift fürösterreichische Volkskunde" folgen. Dieses stattliche Organ unsererWissenschaft stand von vornherein auf einem äußerst tragfähigenGrund. Volkskunde in jenem Sinn der Erforschung der volkstüm-lichen Schichten, des bezeichnenden Wesens aller Sprachnationenauf dem Boden der österreichisch- ungarischen Monarchie, ohneRücksicht auf die sprachlich- nationalen Trennungsstriche, wie sieMichael Haberlandt im I. Bande der Zeitschrift programmatischverkündete, war eine humanistische Wissenschaft. Mit dieser Ziel-setzung hat sie ihre Bedeutung im alten Österreich erreicht undim Lauf der Jahre nur gesteigert. Die stattliche Reihe von Bändenbis zum Jahr 1918 legt dafür ein gültiges Zeugnis ab.
Der Zusammenbruch der österreichisch- ungarischen Monarchieließ es dem Verein für Volkskunde als richtig erscheinen, die Gele-genheit wahrzunehmen, aus der durch den alten Staat angeregtenInternationalität innerhalb des Staatsgebietes zu einer neuen wissen-schaftlich bedingten Internationalität überzugehen: Die Zeitschriftänderte wie der Verein selbst den Namen, und aus einer immer
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