Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde128 (2025) / N.S. 792 (2025)Becker, Alina Franziska; Schwab, Christiane: Erprobung, Vision, Prozess oder Zwang?

  
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Erprobung, Vision, Prozess oder Zwang? : Zukunftsaushandlungen im Rahmen urbaner Straßenexperimente
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6ÖZV, LXXIX/128, 2025, Heft 2provisorische Fußgängerzonen, Radwege, Busspuren und räumli-che Umgestaltungen durch Begrünung und/oder Straßenmobiliar,das zum Verweilen einladen soll. Diese Maßnahmen erfolgen meistzulasten von Parkflächen und Fahrspuren des motorisierten Indivi -dualverkehrs. Einige besonders öffentlichkeitswirksame Eingriffe insVerkehrsgeschehen wie der Umbau der Mariahilfer Straße in Wien,die Umgestaltung der Sendlinger Straße in München, Verkehrsberu-higungsmaßnahmen in Ottensen(Hamburg) oder der Friedrichstraßein Berlin-Mitte haben nicht nur gezeigt, wie veränderte Infrastruk-turen neue Formen der Raumnutzung und des Mobilitätsverhaltenshervorbringen, sondern auch, welch unterschiedliche Erwartungenund Zukunftsvorstellungen verschiedene Akteur:innen in Bezug aufMobilität und Stadtraum haben. Straßenexperimente dienen alsonicht nur dem Erproben alternativer Mobilitäts- und Verweilprak-tiken, sondern auch der gesellschaftlichen Aushandlung darüber, wiedie Stadtbewohner:innen sich in ihrer Stadt künftig fortbewegen undleben wollen. Ausgehend von den Debatten um drei Münchner Stra-ßenexperimente untersuchen wir, wie diese als Räume der Explora-tion verstanden und genutzt werden, welche Zukunftsvisionen imZuge ihrer Planung, Umsetzung und Rezeption erprobt oder neuentworfen werden und welche Zukunftsorientierungen und Zeitvor-stellungen sich in den Aushandlungen um städtische Transformatio-nen abzeichnen.Dass Zukunft ob als Sinnbild, Option, Schreckensszenariooder antreibende Utopie unseren Alltag und unser Zusammenlebenentscheidend mitgestaltet, hat in der kulturanthropologischen For-schung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Wegweisendwar in diesem Zusammenhang das BuchThe Future as Cultural Fact:Essays on the Global Condition(2013),in welchem Arjun Appaduraieinen Paradigmenwechsel von der Fokussierung des Fachs auf dieGegenwart und die Vergangenheit hin zur systematischen Betrach-tung vonhumans as future makers and of futures as cultural factsforderte.2Bereits 2004 beschäftigte sich Appadurai mit dem befreien-den Potenzial von Zukunftsvorstellungen insbesondere für margi-nalisierte Gruppen, wobei er zugleich hervorhob, dass die(kulturelle)2Arjun Appadurai: The Future as Cultural Fact: Essays on the GlobalCondition. London/New York 2013, S. 285.