252ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 2Wie wir schon bei Shirley Baker gesehen haben, gibt es eine Schön-heit, die sozialer Natur ist.In unsere Wahrnehmung schleichen sich immer wieder Erin-nerungsfetzen und mediale Spurenelemente ein, die den Orten einenuns betreffenden Sinn verleihen. Materielle Artefakte – das Gaswerk,der Kanal, die Fabrik – werden dann zu emotional aufgeladenen Zei-chen. Bei mir war es lange Zeit der erste Förderturm bei Hamm, dermir bei der Heimreise signalisierte, wieder zu Hause zu sein, als eineArt symbolischer Grenzstein: Hier fängt das Ruhrgebiet an. Ganzähnlich, nämlich als Erfahrung einer Scheidelinie, aber zugleich ganzanders ging es dem Literaturwissenschaftler Erhard Schütz bei sei-ner ersten Fahrt von Berlin ins Ruhrgebiet:„Ich kam spätabends mitdem Zug. Ich werde es wohl nie vergessen – irgendwo ab Hammund nicht mehr endend, gespenstische, gewaltige Industriesilhouetten,gleißende Leuchten, in deren Lichtkegeln Rauch, und immer wiederriesige Funkengarben, Flammen, Fackeln[...] Ich war unversehensaus der Heimatkunst in den Expressionismus geraten.“10Deutlichwird, dass die materiell-räumliche Struktur, die weit davon entferntist, bloß funktional zu sein, stets kulturell kodiert ist, wodurch sie denCharakter eines Gedächtnisspeichers und kristallisierter Geschichtegewinnt. Das trifft auch, ja vor allem, auf Städte zu. Die Aufladungmit Bedeutung kann so ausgeprägt sein, dass bereits die bloße Nen-nung des Namens einer Stadt ein ganzes Bündel an Vorstellungenund damit verbundenen Empfindungen hervorruft. Es sind kulturelleKodierungen, die in uns Zuneigung oder Ablehnung erzeugen oderuns gleichgültig lassen, weil uns eine Stadt einfach nichts ‚sagt‘;ÖdeOrte, wie einmal der Titel einer durchaus bösartigen Essaysammlungüber Städte von Ahlen bis Zweibrüggen hieß.11Ein kulturell kodierterOrt spricht nicht nur für sich, sondern auch für uns und ‚an unsererStelle‘, so dass Vorurteile, die einen Ort treffen, auch uns als Bewoh-ner:innen treffen. Das habe ich, ob meiner Herkunft aus Bottrop, inmeiner Jugendzeit am eigenen Leib erfahren müssen, beispielsweiseauf Ferienfahrten, wenn man erzählte, woher man kommt. In seinem10Erhard Schütz: Memorabilien eines Verzogenen. In: Ders.: Echtefalsche Pracht. Kleine Schriften zur Literatur. Berlin 2011, S.337.11Jürgen Roth, Rayk Wieland(Hg.): Öde Orte 3. AusgesuchteStadtkritiken von Ahlen bis Zweibrüggen. Leipzig 2003.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Lindner, Rolf: „I met my love by the gas works wall“
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Aufsatz in einer Zeitschrift
„I met my love by the gas works wall“ : wie das Imaginäre die gegenständliche Welt überlagert
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