Rolf Lindner,„I met my love by the gas works wall“251Es gerann mit der Zeit zu einem allgegenwärtigen Klischee, so dassdurchaus der Verdacht aufkommen konnte, die Fotograf:innen hättendie Siedlungsbewohner:innen aufgefordert, mal ein paar Laken fürdie Aufnahmen aufzuhängen. Aber wenn, dann geschah das durchausmit Bedacht, galt doch das Ruhrgebiet über Jahrzehnte als schmudde-lig. Dieser Sichtweise traten Fotograf:innen mit ihren Arbeiten ent-gegen. Einer von ihnen war Rudolf Holtappel, dem die Stiftung Situ-ation Kunst 2011, gemeinsam mit Arbeiten von Thomas Kläber, einegroße Ausstellung widmete.9Holtappel war, was das Ruhrgebiet alsMotiv angeht, ein Sonntagsfotograf im wahrsten Sinne des Wortes,weil er während der Woche als Werksfotograf seinen Unterhalt ver-diente. Das führte zu einer Reihe von Aufnahmen, auf denen Indus-triekulisse und Sonntagskleidung der Fußgänger:innen scheinbarkollidierten, tatsächlich aber den eigentlichen Reiz der Aufnahmenausmachten und den Abgebildeten im schwerindustriellen Ambienteeine eigene Würde verliehen. Auf Außenstehende wirken die Reihenuniformer Bergarbeiterhäuser, die charakteristisch für die fotografi -sche Dokumentation der 1950/1960er Jahre waren, womöglich wieeine Szenerie der Tristesse. Für die Menschen aber, die dort wohn-ten, bildeten sie kleine Lebenswelten. Das kommt bei Holtappel,wie schon bei Shirley Baker, vor allem in den Bildern von spielen-den Kindern zum Ausdruck, die in der kleinen Welt der Kolonie mitihren Gärten und Wegen hinter den Häusern offensichtlich zu Hausesind. Mein Lieblingsfoto in dieser Hinsicht ist die äußerst sachlichalsDuisburg-Hamborn vor August-Thyssen-Hüttebezeichnete Auf-nahme aus dem Jahre 1959, die sonntäglich gekleidete Kinder vor derIndustriekulisse zeigt(Abb. 2). Diese Kulisse mit den Industrieanlagen,mit den Mülleimern vor schäbigem Zaun, mit dem ungepflasterten,schlackebedeckten Weg mag deprimierend wirken, aber die leichte, jaschwebende Gangart der Mädchen, die, miteinander auf symbiotischeWeise durch die Henkel der Tasche verbunden, in Richtung Schre-bergärten laufen, enttäuschen die gängigen Vorstellungen vom bedrü-ckenden Leben im Schatten der Hochöfen. Ich bin davon überzeugt,dass Holtappel einen Moment von tieferer Wahrheit eingefangen hat.9Silke von Berswordt-Wallrabe(Hg.): Deutschland, Deutschland.Fotografien aus zwei Ländern von Rudolf Holzappel und ThomasKläber. Bielefeld 2011.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Lindner, Rolf: „I met my love by the gas works wall“
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Lindner, Rolf: „I met my love by the gas works wall“
Aufsatz in einer Zeitschrift
„I met my love by the gas works wall“ : wie das Imaginäre die gegenständliche Welt überlagert
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