Aufsatz in einer Zeitschrift 
Die Arbeit an der Autonomie : ökonomische Praktiken der Direktvermarktung landwirtschaftlicher Familienbetriebe in Oberösterreich
Einzelbild herunterladen
 

244ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 2Dahinter stehen Imaginationen des guten Lebens wie regionale Ver-sorgung, händische Arbeit oder Familie. Ideale, die ethisch konnotiertsind und für den Verkauf in Wert gesetzt werden. Die Betriebe ver-markten ihre Produkte und sich selbst, während sie sich in anderenBereichen vom Markt emanzipieren. Diesen Verwobenheiten undBewegungen gilt es in meiner Forschung noch weiter nachzuspüren:Wie wird die Umwandlung von in der Produktion und Distributioneingebetteten Werten in pekuniäre Werte praktiziert? Wann wer-den die Bereiche von Haushalt, Familie, Nachbarschaft und Marktgetrennt? In der Kommodifizierung, die dem direkten Absatz der Pro -dukte inhärent ist, und in der familialen Organisation der Arbeit sindMachtverhältnisse(zwischen Generationen und Geschlechtern) sowiegesellschaftliche Normierungen auszumachen, die in diesem Text nurangedeutet werden konnten.Eine ethnographische Auseinandersetzung mit Ökonomie hatdie Aufgabe, die hier skizzierten Relationen von Wirtschaft, Moralund dem Sozialen zu erfassen und dabei auf die Vielfalt gelebterÖkonomien hinzuweisen. Dafür eignet sich ein praxistheoretischerZugang, der nicht die Wirtschaft, sondern dasWirtschaftenunter-sucht. So wird vermieden, Ökonomie auf einer rein strukturellenEbene zu verorten bzw. als abstraktes System zu konzipieren, dasauf Marktlogik und zweckrationales Vorgehen beschränkt ist. DieAnalyse alltäglichen Wirtschaftens erschöpft sich nach diesem Ver-ständnis auch nicht im Nachdenken über die Kultur der Ökonomie,in der Interpretation dahinterliegender Wertesysteme und Narra-tionen. Wirtschaftliches Handeln gestaltet Gesellschaft und schafftMöglichkeiten, sich von scheinbar übermächtigen und alternativlosenZwängen freizuspielen.Allzu oft liest man in kultur- und sozialwissenschaftlichenArbeiten von Nischen, Experimentierräumen oder Laboren imZusammenhang mit alternativen ökonomischen Strategien und Prak-tiken. Abgesehen davon, dass Direktvermarktung in Österreich keingesellschaftliches Nischenphänomen darstellt, marginalisiert und ver-harmlost man mit solchen Begriffen soziale Entwicklungen. Die Bäu -er:innen, die sich für Direktvermarktung entscheiden, leben in keinenLaboren und sie experimentieren nicht fernab des Mainstreams. Sierealisieren inmitten vorhandener Strukturen und Normen Alternati-ven. Die Bäuer:innen entwerfen keine Utopien, sondern probieren,