Thassilo Hazod, Die Arbeit an der Autonomie241Plurale ÖkonomieNeben den Auswirkungen der Direktvermarktung auf Arbeit lohntsich ein differenzierter Blick auf die ökonomische Praxis. Direktver-marktung vervielfältigt und intensiviert wirtschaftliches Handeln wiegegenseitige Hilfe, Subsistenz, Kooperationsformen oder Tausch.Viele dieser Praktiken waren noch in den 1950er und 1960erJahren wichtig und kommen heute unter veränderten Vorzeichen wie-der auf. Galt etwa Subsistenz früher der Versorgung des Haushalts,geht es bei den Direktvermarktungsbetrieben zugleich und vermehrtum eine Versorgung der Produktion und eine Reproduktion der Pro-duktionsmittel. Familie Gschwandner baut den Knoblauch für denSpeck und den Weizen für das Brot selbst an, anstatt diese Zutatenzu kaufen. Die Pointners verwenden für viele Gemüsesorten eigenesSaatgut. Wolle und Mist ihrer Schafe dienen als Dünger, das Fleischwird vermarktet. Während Selbstversorgung bei Familie Pointnerdurchaus moralisch argumentiert wird, scheint dies bei den Huemersund Gschwandners zunächst eine lebensumstandsbedingte Frage derNähe von Haushalt und Betrieb zu sein. Was am Markt übrig bleibt,landet auf dem eigenen Esstisch. Was jedoch von allen betont wird,besonders in Distinktion zu Großbetrieben, ist der Zusammenhangvon Selbst- und Fremdversorgung. So ließ Sarah Gschwandner einmalabschätzig fallen:„Die essen ja nicht einmal ihr eigenes Fleisch.“44Sieartikuliert damit die zentrale Bedeutung der Wertschätzung gegen-über dem eigenen Produkt und der Qualität, die man beansprucht.Die Rede von Subsistenz sollte nicht mit Autarkie verwechselt wer-den – keiner der Betriebe strebt an, völlig unabhängig zu sein. Siesind als Produzent:innen wie als Konsument:innen in den Markt ein-gebunden. Entscheidend ist die Schaffung von Freiräumen innerhalbeines bestehenden Systems.Die Diversifikation der Produktion legt nicht nur einen höhe -ren Grad der Selbstversorgung, sondern auch eine größere Bedeutungvon Tauschökonomien nahe. Spezialisierte Betriebe, die arbeitsteiligein Produkt oder einen Rohstoff für Handel oder Industrie herstel-len, haben nicht viel zu tauschen. Die direktvermarktenden Betriebevergelten kleinere Arbeiten oder Güter oftmals mit Naturalien – ein44Gespräch mit Sarah Gschwandner, 10.10.2023.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Hazod, Thassilo: Die Arbeit an der Autonomie
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Die Arbeit an der Autonomie : ökonomische Praktiken der Direktvermarktung landwirtschaftlicher Familienbetriebe in Oberösterreich
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