236ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 2Die zweigleisige Strategie der Schweinehaltung scheint demöffentlichen Bild der quasi janusköpfigen Bäuer:innen zu entsprechen:zugleich unternehmerische Landwirtin, die billig für den Agrarmarktproduziert, und traditionelle Bäuerin, die eigene Produkte am Bauern-markt verkauft. In meiner Forschung zeigt sich eine fortwährende Ver-flechtung dieser zwei Orientierungen.28So verlangt gerade die Direkt-vermarktung(im Unterschied zur pauschalierten Landwirtschaft29) einunternehmerisch ausgerichtetes Management, die genaue Buchfüh-rung und Durchkalkulierung des Betriebs. Zudem steht hinter dieserLandwirt:in-Bäuer:in-Dichotomie ein fragwürdiges Geschichtsbild.Der Modernisierungsprozess wird oft als Übergang einer bäuerlichen-subsistenzorientierten zu einer unternehmerischen-marktorientiertenLandwirtschaft dargestellt. Die direktvermarktenden Betriebe30lassensich darin nicht einordnen: Sie zielen auf möglichst autonome Pro-duktion und Reproduktion eigener Ressourcen ab(dazu zählen auchSubsistenzformen) und handeln zugleich marktzugewandt.Kommodifizierung zeigt sich etwa in der Tendenz, allerlei ver -fügbare hofeigene Ressourcen zu verwerten. Es werden Tee aus denBlüten der alten Linde, Most aus den Früchten der Streuobstwieseoder Hagebuttenzweige als Dekoration verkauft, um die Produktpal-lette zu erweitern. In der Dynamik interner Ressourcennutzung trittder Betrieb zuweilen in Konkurrenz zum Haushalt: Im Kinderzim-mer von Familie Gschwandner wird die Werkbank zum Etikettie-ren untergebracht, aus dem Heizkammerl mit Garderobe wurde eineBackstube. Am Hof der Pointners musste das Auto aus der Garage,die zur Pilzzucht gebraucht wird, und aus dem Wohnbereich der Tantewurde eine Praktikant:innenwohnung. Aus historischer Perspektive28Dem trägt auch die Landwirtschaftskammer Oberösterreich Rechnung,sie verleiht seit 2009 den TitelDie bäuerliche Unternehmerin des Jahresundverbindet in diesem Wettbewerb kulturelle wie wirtschaftliche Anforde-rungen an ‚die Bäuerin von heute‘.29Bei der landwirtschaftlichen Vollpauschalierung wird der Gewinn aufBasis des Einheitswerts des Betriebs errechnet, bei der Teilpauschalierungwerden von den tatsächlichen Einnahmen pauschale Ausgaben abgezogen.In beiden Fällen ist keine umfassende Buchführung als Einnahmen-Aus-gaben-Rechnung des Betriebs zu führen.30Schon der BegriffBetriebbeschreibt, anderes als derHof, dass einGeschäft betrieben wird. Diese Dichotomie ähnelt jener von Bäuer:in undLandwirt:in.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Hazod, Thassilo: Die Arbeit an der Autonomie
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Hazod, Thassilo: Die Arbeit an der Autonomie
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Die Arbeit an der Autonomie : ökonomische Praktiken der Direktvermarktung landwirtschaftlicher Familienbetriebe in Oberösterreich
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