Camilla Geißelbrecht und Felix Gaillinger, Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig2073. Anna, die Giftmörderin„Der Mann gefiel ihr so gut, daß sie beschloßden unbequemenGatten aus dem Weg zu räumen, um mit Steiner ganz leben zukönnen. Als Mittel sollte Gift dienen. Sie erwog, ob Nikotinoder Arsenik das beste wäre und verfiel schließlich auf Toll-kirschenwurzeln.“793.1. Der Giftmord – eine ‚weibliche Domäne‘Dass der Giftmord ein weibliches Verbrechen sei, war für die Kri-minologen, Ärzte und Psychiater des späten 19. und frühen 20. Jahr-hunderts mehr Hausverstand als umstrittener Sachverhalt.80Im Jahr1900 schreibt ein Landesgerichtspräsident in der„Zeitschrift für diegesamte Strafrechtswissenschaft“ über dieses Verbrechen:„Strafprozesse, deren Gegenstand ein Giftmord ist, bieten inder Regel an sich größeres Interesse, weil die verbrecherischeThat hier nicht das Erzeugnis eines unseligen Augenblicks,einer leidenschaftlichen Aufwallung, sondern die schrecklicheFrucht des bösen Gedankens ist, der nicht im Keime erstickt,im Herzen des Menschen wuchernd zuletzt die Kraft erlangt,um, zum vollständigen Plan gereift, alle die Schwierigkeitenzu überwinden, die oft seiner Ausführung hemmend undwarnend sich in den Weg stellen.“81Während er hier nicht konkretisiert, von wem diese ‚schrecklicheFrucht des bösen Gedankens‘ üblicherweise ausgehe, taten dies – wiedie Historikerin und Geschlechterforscherin Melanie Grütter zeigt– diverse andere Autoren sehr explizit. Die besonders ausgeprägteVerwerflichkeit des Giftmordes wurde einem ‚weiblichen Bösen‘zugeschrieben, welches„stets anders, meist grausamer, hinterlistiger,unsichtbarer, dunkler ist als sein männliches Pendant“82. Dass Frauen79Illustrierte Kronen Zeitung(wie Anm. 1), S. 10.80Weiler(wie Anm. 60).81D. Kerckhoff: Ein Giftmordprozeß. Altenmäßig und wahrheitsgetreudarstellt durch Landgerichtspräsident a. D. Kerckhoff in Hannover.In: Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 20, 1900,S.708–734, hier S. 708.82Grütter(wie Anm. 75), S. 18.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig
Aufsatz in einer Zeitschrift
Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig : Pathologisierung weiblicher Sexualität im österreichischen Giftmordfall: „Eine liebestolle Greisin will frei werden“
(1931)
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten