Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig : Pathologisierung weiblicher Sexualität im österreichischen Giftmordfall: „Eine liebestolle Greisin will frei werden“
(1931)
Einzelbild herunterladen
 

Camilla Geißelbrecht und Felix Gaillinger, Liebeshungrig, trunk- und männer­süchtig201strikte Verbrecherkategorien,40scheint jedoch mit dessen Sicht auffrühes Sexualverhalten übereinzustimmen, wenn er 1917 schreibt,die Hauptmerkmale von Giftmischerinnen seienäußere Schönheit,zeitig geweckte Sexualität undeine Ehe ohne Neigung41. Ebensowitterte Wulffen eine ‚sexuelle Frühverderbnis, die von derUnzuchtmit Kindern, vornehmlich mit Mädchen42, deren weite Verbreitungin keiner Statistik aufscheine, verursacht werde. Dabei scheint fürWulffen die durch Unzucht und deren Bekanntwerden hervorgeru -fene ‚Verderbnis einen ansteckenden Charakter anzunehmen:Eineeinzige Gemißbrauchte, deren Erlebnis zu schnell bekannt wird, kannden sexuellen Reiz in die ganze Schulklasse tragen.43Generell scheint für frühe Sexualwissenschaftler von dererwachende[n] Erotik44junger Frauen und vor allem vom Einset-zen der Menstruation, einerLebensepoche physiologischer Minder-wertigkeit45, eine bedrohliche Wirkung auszugehen. Der deutscheGynäkologe Max Hirsch konstatierte 1929:Psychiatrie und Krimi -nalistik lehren, daß mit der pubertären Menstruation Geistesstörun-gen und kriminelle Handlungen besonders eng verbunden sind46.Die zu menstruieren beginnende junge Frau bedürfe einer besondersintensiven erzieherischen Einwirkung, um sie vom ‚falschen Wegeabzuhalten, dessen erste AnzeichenSchwärmereien, Mädchenfreund-schaften, glühende Verehrung, Gefall- und Putzsucht, Neid und Eifer-sucht47seien. Dass diese ‚Einwirkung im Falle von Anna Auer ausSicht ihrer Zeitgenoss:innen vermutlich ausgeblieben war, wodurchdiese eine im Sinne der Zeit pathologisierte Sexualität entwickelte undals Gefahr konstruiert wurde, argumentiert das folgende Kapitel.40Wulffen, Erich: Psychologie des Giftmordes. Wien 1917, S. 5.41Ebd., S. 47.42Erich Wulffen: Vergehen in Beziehung auf die Ausübung der Religion.Verbrechen und Vergehen gegen die Ordnung der Ehe und des Personen-standes und gegen die Sittlichkeit. In: P. F. Aschrott, Franz von Liszt(Hg.): Die Reform des Reichsstrafgesetzbuchs. Berlin 1910, S.119–153,hier S.134.43Ebd.44Max Hirsch: Das Strafmündigkeitsalter der weiblichen Jugendlichen inkonstitutionsbiologischer Betrachtung. In: Zeitschrift für die gesamteStrafrechtswissenschaft 49, 1929, S.441–451, hier S. 449.45Ebd.46Ebd., S. 446.47Ebd., S. 449.