196ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 2Anna primär als tüchtige Wirtschafterin, die Haus und Hof zusam-menhalte und somit„dem Bauern eben unentbehrlich“13sei.Von Seiten Anna Auers schien dieses wirtschaftliche Arran-gement mit einer tiefgehenden Abneigung und dementsprechendenVerbitterung einherzugehen. Laut Aussagen ihres nun nicht mehrganz heimlichen Geliebten Hermann Steiner sagte sie, dass ihr„ihrHund[…] lieber, als ihr Mann“14sei. Mehrmals habe sie zudem zumAusdruck gebracht, sie würde ihren Mann nicht mehr mögen und„essei schon gut, wenn er hin werde“15. Die Zitate sind als Aussage ihresGeliebten mit Vorsicht zu genießen, weil sie in journalistischen Auf-merksamkeitsökonomien verwoben sind. Dennoch spricht der Mord-versuch dafür, dass Anna Auer sich in einer Situation befand, in derihr das Begehen eines schweren Verbrechens plausibler erschien alsder Erhalt des Status quo. Es drängt sich die Frage auf, warum eineTrennung für Anna Auer keine greifbare Option war. Tatsächlichheißt es in der Berichterstattung sogar, das Ehepaar Auer habe in derletzten Zeit von der Scheidung gesprochen.161.2. Bedingte Möglichkeit einer Scheidung im EherechtschaosDie nähere Beschäftigung mit dem in Österreich geltenden Ehe-recht und dessen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert kannAufschluss darüber geben, welche legalen Optionen Anna und Hein-rich Auer zur Trennung der Ehe zur Verfügung gestanden wären.Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch(ABGB), das 1812 in Krafttrat, bildet die Ausgangslage für das österreichische Eherecht. Nachdem ABGB wurde der Ehevertrag von einem Priester geschlossen,der dabei kurzfristig als weltlicher Beamter fungierte. Obwohl diesbedeutete, dass für Katholik:innen nur eine Scheidung von Tisch und13Ebd.14Illustrierte Kronen Zeitung(wie Anm. 1), S. 10.15Kleine Volks-Zeitung: Nach dreißigjähriger Ehe. Giftmordversuch einerSechzigjährigen an ihrem Gatten. In: Kleine Volks-Zeitung, 5.3.1931, S.11.16Illustrierte Kronen Zeitung(wie Anm. 1), S. 10. Zurecht weist SilkeGöttsch(wie Anm. 2) darauf hin, dass es noch im 18. Jahrhundert nichtunüblich war, dass Frauen im Falle einer scheiternden Ehe ihre Kinderermordeten, um eine Verhaftung und Verurteilung zum Tode zu errei-chen, wodurch suizidale Absichten gewissermaßen umgelenkt wurden.Weil dies im Falle Auers keine Rolle spielt und unser Material keinesystematischen Aussagen diesbezüglich zulässt, rücken wir dieses Argu-ment in der rechtlichen Zusammenschau in den Hintergrund.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig
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Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig : Pathologisierung weiblicher Sexualität im österreichischen Giftmordfall: „Eine liebestolle Greisin will frei werden“
(1931)
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