Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig : Pathologisierung weiblicher Sexualität im österreichischen Giftmordfall: „Eine liebestolle Greisin will frei werden“
(1931)
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Camilla Geißelbrecht und Felix Gaillinger, Liebeshungrig, trunk- und männer­süchtig195und gegensätzlich konstruierten Geschlechtscharaktere der passiv-emotionalen Frau und des aktiv-rationalen Mannes8in gewisser Hin-sicht umgekehrt sind. Anna seimit ihrem Manne in sexueller Bezie -hung nicht zufrieden gewesen9und führte daher zahlreiche sexuelleVerhältnisse, was Heinrich laut der Berichterstattungohne beson-dere Erregung hinnahm10. In der Arbeiterzeitung klingt überraschendviel Verständnis für die Position Anna Auers mit, wenn es heißt, ihrezahlreichen Ehebrüche würden wohl der Wahrheit entsprechen undwenn man den Greis neben dem lebendigen Weib Glossar ::: zum Glossareintrag  Weib sieht, glaubt manes auch ohne den gerichtsmäßigen Nachweis11. Die BeschreibungHeinrich Auers lässt generell das Bild einer primär im Hintergrundagierenden Person entstehen. Die abweichende Einordnung derMotive und deren Verurteilungen fallen insbesondere im Kontrastzwischen der Arbeiterzeitung und der Illustrierten Kronen Zeitungauf. Erstere war bis zu ihrer austrofaschistischen Zäsur im Jahr 1934das zentrale Organ der österreichischen Sozialdemokratie und standnicht zuletzt vor dem Hintergrund eines Kampfes um Arbeiterrechteund politische Emanzipation für Solidarisierung und Hegemoniekri-tik, was sich auch in der tendenziell empathischen und abwägendenBerichterstattung um Anna Auer erkennen lässt. Die Illustrierte Kro-nen Zeitung hingegen sollte durch den bereits im Namen stehendengünstigen Verkaufspreis ein breites Massenpublikum durch mitunterüberspitzte komplexitätsreduzierende Berichterstattung erreichen.Das ‚ungleiche Paar Anna und Heinrich Auer habe jedenfallskeineswegs in einer jene Gegensätzlichkeiten anerkennenden Har-monie miteinander gelebt. Die Ehe schien geprägt von Streitigkeiten,chronischer Unzufriedenheit, Gleichgültigkeit und einer fundamen-talen Zweckmäßigkeit, zumindest aus der Sicht Heinrich Auers.Obdas Liebe war?12, fragt die Arbeiterzeitung, um dieser Suggestivfragemit der Feststellung zu entgegnen, Heinrich Auer schätze seine Frau8Karin Hausen: Die Polarisierung derGeschlechtercharaktere.Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben.In:­Werner Conze(Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der NeuzeitEuropas.­Stuttgart 1976, S. 363–393, hier S. 367.9Illustrierte Kronen Zeitung(wie Anm. 1), S. 10.10Ebd., S. 10.11Arbeiterzeitung(wie Anm. 6), S. 6.12Ebd.