Camilla Geißelbrecht und Felix Gaillinger, Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig193Im Mittelpunkt unseres Beitrags steht stets Anna Auer, derenRolle die Berichterstattung vielfach adressiert und auf der Basis zeit-genössischen Wissens einordnet. In diesem Sinne überspannen dienachfolgenden Ausführungen eine Breite an Facetten, über die ge-und die verurteilt wurden: Anna in ihrer wirtschaftlichen und bio-grafischen Situiertheit als Gattin(Kapitel 1), Annas mutmaßliche Lie -bestollheit und deren vermutete Ursachen(Kapitel 2), das Ringenum Annas Intention und Vorgehen als explizitweiblicheGiftmörderin(Kapitel 3) sowie die Klärung der Schuldfrage(Kapitel 4). Bewusstverlassen wir den konsequenten Fokus auf Anna dabei immer wie-der, um Blicke auf zeitgenössisches Wissen, rechtliche Rahmenbe-dingungen und umkämpfte Legitimationsvorstellungen von Recht,Geschlecht und Sexualität in ihrer Wechselwirkung zu werfen. Weni -ger konturiert sind die weiteren zentralen Personen in diesem Bezie-hungsgeflecht nicht erst durch unseren analytischen Fokus, sondernbereits in der Berichterstattung: ihr Ehemann Heinrich Auer und ihrheimlicher Geliebter Hermann Steiner. Naheliegend ist der Fokus aufAnna Auer nebst ihrer Identifikation als Tatverdächtige auch vor demHintergrund eines gesteigerten Interesses an weiblicher Untreue undder unterstellten Hypersexualität, was sich – wie wir zeigen werden– in wiederholten journalistischen Verweisen auf das Sensationelleund Fantastische, das Tyrannische und Hexenhafte konkret spiegelt.2Christian Marzahn: Scheußliche Selbstgefälligkeit oder giftmordsüch-tige Monomanie? Die Gesche Gottfried im Streit der Professionen. In:Criminalia 11, 1988, S. 195–256; Susanne Bühler: Gift für den Gatten.Ein Stuttgarter Mordfall im 19. Jahrhundert. Silberburg 1995; SilkeGöttsch:„Vielmahls aber hätte sie sich gewünscht, einen andern Mannzu haben“. Gattenmord im 18. Jahrhundert. In: Otto Ulbricht(Hg.):Von Huren und Rabenmüttern. Weibliche Kriminalität in der FrühenNeuzeit. Köln 1995, S.313–334; Dorothea Nolde: Gattenmord. Machtund Gewalt in der frühneuzeitlichen Ehe. Köln, Weimar, Wien 2003.Sich in der österreichischen Geschichtsforschung verortend reiht sichdiese Quellenstudie in die Analyse sogenannterlegal regimesein, denensich etwa MargarethLanzinger und Kolleg:innen – ebenfalls nicht überdas 19.Jahrhundert hinausgehend – ausführlich gewidmet haben; vgl.MargarethLanzinger, Janine Maegraith, Singline Clementi, u. a.(Hg.):Negotiations of Gender and Property through Legal Regimes(14th–19thCentury).Stipulation, Litigating, Mediating. Leiden, Boston 2021; vgl.auch MargarethLanzinger, Edith Saurer(Hg.): Politiken der Verwandt-schaft.Beziehungsnetze, Geschlecht und Recht. Göttingen 2007.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Geißelbrecht, Camilla; Gaillinger, Felix: Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig
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Liebeshungrig, trunk- und männersüchtig : Pathologisierung weiblicher Sexualität im österreichischen Giftmordfall: „Eine liebestolle Greisin will frei werden“
(1931)
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