84ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 1„völkischer Wissenschaft“.3In den letzten Jahren nahm er neuere Ent-wicklungen einer postmodernen Wissenschaft kritisch distanziert aufund warnte vor dem Verlust der Fachidentität in einem Vielnamens-fach, das er als„Post-Volkskunde“ bezeichnete: Die Europäische Eth-nologie könnte sich als Sackgasse erweisen, gab er zu bedenken. AnHelmut P. Fielhauers Feststellung, dass der Fortschritt der Volks-kunde gebunden sei an die Kenntnis ihrer Geschichte und Themen-felder, schloss Bockhorn die Frage an:„Unterscheidet sich eine zeitge-mäße Volkskunde gerade durch dieses Wissen von einer EuropäischenEthnologie?“4In der Themenpolitik der Europäischen Ethnologie sah er dieUrsache für zunehmenden Kompetenzverlust, obwohl er sich vieleJahre für die inhaltliche Öffnung des Fachs stark gemacht hatte:„Vorallzu großer thematischer Beliebigkeit sei dennoch gewarnt: zu großscheint mir die Gefahr zu sein, dass aus der Volkskunde, die von rela-tiv wenig relativ viel gewusst hat, eine Europäische Ethnologie wird,die von relativ viel relativ wenig weiß.“5So kritisierte er die Vernach-lässigung fachspezifischer Wissensbestände und damit verbundenetablierter Berufsfelder(wie beispielsweise volkskundliche Museen).Die klassisch volkskundlichen Themen haben für viele Fachvertre-ter*innen und die Mehrzahl unserer Studierenden wirklich nur nochgeringe Relevanz. Bockhorns Warnung ist also nicht unbegründet undjedenfalls ernst zu nehmen. Die Kooperation mit Museen förderte erals Leiter der zwischen 1991 und 1999 bestehenden Abteilung„Volks-kundliche Praxis“ am Institut für Volkskunde(Ethnologia Europea)der Universität Wien. An diesem Institut(das seit dem Jahr 2000 die3Hierzu besonders Wolfgang Jacobeit, Hannjost Lixfeld, Olaf Bockhornin Zusammenarbeit mit James R. Dow(Hg.): Völkische Wissenschaft.Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskundein der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Wien 1994; Olaf Bockhorn:„Die Angelegenheit Dr. Wolfram“ – Zur Besetzung der Professur fürgermanisch-deutsche Volkskunde an der Universität Wien. In: MitchellG. Ash, Wolfram Nieß, Ramon Pils(Hg.): Geisteswissenschaften imNationalsozialismus. Das Beispiel der Universität Wien. Wien 2010,S.201–224.4Olaf Bockhorn: Volkskunde in Wien 1966–2006. In: ÖsterreichischeZeitschrift für Volkskunde LX/109, 2006, S.317–330, hier S. 324.5Olaf Bockhorn: Neue Sachlichkeit? Volkskunde nach 1945. In: Archaeolo-gia Austriaca 90, 2006, S.17–29, hier S. 24.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Fuchs, Bernhard: Olaf Bockhorn: Volkskunde als Berufung
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Fuchs, Bernhard: Olaf Bockhorn: Volkskunde als Berufung
Aufsatz in einer Zeitschrift
Olaf Bockhorn: Volkskunde als Berufung : 19. Februar 1942 – 16. Oktober 2023
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