Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Luggauer, Elisabeth: Ethnografieren in europäischen (Semi-)Peripherien?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ethnografieren in europäischen (Semi-)Peripherien? : vom Re-Perspektivieren in Kontaktzonen
Einzelbild herunterladen
 

24ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 1‚des Balkans und Jugoslawiens, die Maria Todorova als komplexeProzesse der Imaginationen und Selbst-Orientalisierungen nachge-zeichnet hat.38Möglicherweise ist das Unbehagen, dass diese Per-spektivierung zu sehr an die historisch gewachsenen Prozesse derPeripherisierung und Exotisierung des südöstlichen Europa erinnert,auch ein Grund, besser nicht von einem ‚ganz Anderen und damit‚Fremdem zu sprechen, sondern lieber die Folie des Eigenen überdas südöstliche Europa zu legen und damit vermeintlich weniger alte-risierend zu agieren?Das Forschungsprojekt, aus dem heraus dieser Text geschrie-ben wurde, folgte zu seinem Beginn genau diesem Interesse: der Suchenach dem Anderen in den eigenen(stadt-)kulturellen Kontexten. Diewestliche Stadt, in deren Logik wie bereits bemerkt sowohl ichals auch die Stadtforschung der Europäischen Ethnologie eingefloch-ten sind, entwickelte sich seit Industrialisierung und Moderne alsein Raum der Aufgeräumtheit, Beherrschung und Ornamentierungvon ‚Natur. Aus Londoner, Pariser und New Yorker Kontexten her-aus arbeitet Chris Pearson die besondere Rolle von Hunden in die-ser modernistischen Neugestaltung der Stadt auf und zeichnet denProzess der Vertreibung und Tötung der die Städte zahlreich bevöl-kernden streunenden Hunde(und anderer Tiere) nach.39Parallelzur Beseitigung der nun alswild undunzivilisiert kategorisier-ten streunenden Hunde gewann die Haltung von gezüchteten undin Rassen unterteilten Hunden als städtische Haustiere, an Bedeu-tung. Als neue Symbole stadtbürgerlicher Freizeitkultur wurden siean Leinen durch nun ebenso verstärkt angelegte städtische Parksund gepflegte und gestutzte Grünanlagen spazieren geführt. DieseFormierung der Identifikation der modernen europäischen Stadt überZähmung des Streunenden und Wilden zu einer bürgerlichen Frei-zeitgestaltung mit angeleinten Hunden in Parkanlagen beschreibtPearson alsDogopolis und hält fest, dass diese Dogopolis in impe-rialistischen, eurozentristischen, europäisierenden und kolonisieren-den Dynamiken der Moderne auch weltweit als städtische Leitidee38Maria Todorova: Imagining the BalkanS. Oxford, New York 2009(Orig.1997).39Vgl. Chris Pearson: Dogopolis. How Dogs and Humans made ModernNew York, London, and Paris. Chicago 2021.