16ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 1die Tagesordnung setzt.[…] Diese Form der ständigen gesellschaft-lichen Selbstbeobachtung und Selbstthematisierung verkörpert eineuropäisches Spezifikum, das sich in anderen Kontinenten und Kul-turen offenbar nicht wiederfindet – jedenfalls nicht in solcher Aus-prägung und Kontinuität.“16Europa ist hier nun eine Art geistiger Haltung mit Alleinstel-lungsmerkmalen, zugleich ist Europa Kontinent, Kultur und histori-scher Raum:„Europa als diesen historischen Raum eines eingeübtenUmgangs mit kulturellen ‚Weltbildern‘ ernst zu nehmen, es also weni-ger als eine ‚Kulturen-Landschaft‘ denn als großen Diskursraum ‚desKulturellen‘ zu begreifen, es zugleich als zivilisationsgeschichtliche‚Werkstatt des ethnologischen Blicks‘ und damit eines spezifischenkulturellen wie wissenschaftlichen Praxismusters zu verstehen, diesalles scheinen mir kultur- wie wissenschaftsgeschichtlich plausibleArgumente für ein Wissenschaftskonzept ‚Europäische Ethnologie‘zu sein.“17Europawird hier zu Kontinent, Geisteshaltung und Diskurs-raum mit historischer Fundierung und Gewordenheit in der Tradi-tion der Renaissance zusammengezogen. Offen bleibt in KaschubasAusführungen, ob Europa nun ein Kontinent ist, aus dem sich einDiskursraum entwickelt hat, oder ein Diskursraum, der sich physischverräumlicht hat. Auch erscheinen in dieser Argumentation nureineeuropäische Geschichte und nureineeuropäische Zeitlichkeit, näm-lich einederModerne. Entweder werden hier verschiedene europäi-sche Geschichten, verschiedene Modernen und unterschiedliche Zeit-lichkeiten zu einem Diskursraum zusammengezogen, oder Europabeschränkt sich in dieser Argumentation auf das westliche Europa,das die europäische Moderne18hervorbrachte. Wenngleich es auch16Ebd.17Ebd., S. 110, Hervorhebung im Original.18Mit dieser Verwendung der Begriffskombination„europäische Moderne“will ich auf verschiedene Kontexte von Moderne hinweisen: Einer-seits folge ich Denkrichtungen, die unter Konzepten wie etwaMultipleModernitiesdarauf hinwiesen, dass Moderne vieles und nicht eines ist,sich in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich ereignet und so auchals multipel reflektiert werden muss, siehe z.B. Shmuel N. Eisenstadt:Multiple Modernities. In: Daedalus 129(1), 2000, S.1–29. Zugleichbetonen aber Forschungspartner*innen und in ost- und südosteuro-päischen Semi-Peripherien verortete Kolleg*innen die Spürbarkeit der
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Luggauer, Elisabeth: Ethnografieren in europäischen (Semi-)Peripherien?
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Luggauer, Elisabeth: Ethnografieren in europäischen (Semi-)Peripherien?
Aufsatz in einer Zeitschrift
Ethnografieren in europäischen (Semi-)Peripherien? : vom Re-Perspektivieren in Kontaktzonen
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten