Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde127 (2024) / N.S. 78Luggauer, Elisabeth: Ethnografieren in europäischen (Semi-)Peripherien?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ethnografieren in europäischen (Semi-)Peripherien? : vom Re-Perspektivieren in Kontaktzonen
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6ÖZV, LXXVIII/127, 2024, Heft 1auf den Spuren vonpsi lutaliceoderulični psi, also streunenden Hundenoder Straßenhunden. Wir, das sind Anna, mein*e damalige*r Partner*in undStudienkolleg*in, der Hund Ferdinand und ich, sind mit dem Auto vom west-lichen Rand der Stadt, von der für wenige Tage gemieteten Airbnb-Wohnungzur Unterkunft für die nächsten Monate in einem vorstädtischen Viertel nahedem alten Flughafen unterwegs. Wir fahren den vierspurigen Bulevar JosipaBroza Tita, einer der Bulevars, die den Stadtkern umfassen und von denumliegenden vorstädtischen Wohn- und Industrievierteln trennen, entlang.Es ist dunkel, der Bulevar ist stark befahren in Geschwindigkeiten zwischenschleichend und rasend. Überholmanöver zu bemerken, aber auch selbstzu steuern braucht einiges an Aufmerksamkeit, wir versuchen außerdem zuerkennen, in welche der Seitenstraßen wir einbiegen sollten. Plötzlich sagtAnna vom Beifahrendensitz:Da steht ein Pferd!Was? Und tatsächlich,am Rand des Bulevars zupft ein Pferd Gräser aus der schmalen Grünflächezwischen der Fahrbahn und einem Gehsteig. Plötzlich fühlt sich alles nochviel hektischer an. Haben wir uns getäuscht? Wir versuchen zu wenden,halten schließlich bei der nächsten Möglichkeit an, weil wir unsdas ausder Nähe ansehen wollen. Doch da steht tatsächlich ein Pferd. Ob wir esberühren müssen, damit wir es glauben? Wir nähern uns mit einer Mischungaus Neugier und Vorsicht, weil Fluchttier und Bulevar und so. Die brauneStute scheint davon ziemlich unbeeindruckt. Sie steht weiter auf dem Geh-steig und zupft Grashalme aus dem Boden. Menschen gehen vorbei, Autosfahren vorbei. Anna und ich scheinen die einzigen zu sein, die dem PferdBeachtung schenken. Wir wollen auch nicht zu nahe kommen, weil Flucht-tier und Bulevar und so. Auch diese Sorge scheinen andere Passant*innennicht zu teilen, sie schlängeln sich zwischen Pferd und Hauswand durch,Autos weichen auch nicht aus oder bremsen. Wir überlegen kurz, ob wiretwastun sollten, stellen fest, dass im Radiozuhause bestimmt vieleaufgeregte Verkehrsfunk-Ansagen gesendet worden wären über ein Pferdauf einer Straße in einer Stadt. Wir stehen da nun schon eine Weile, irgend-wie rechnen wir mit jemandem, der vorbeikommt, und das Pferd einfängtund zurück in seinen Stall bringt, oder mit der Feuerwehr oder Ähnlichem.Irgendwann wird es fast langweilig. Menschen gehen vorbei, Autos fahrenvorbei, die Stute zupft Gras aus dem Grünstreifen,bewegt sich dabei lang-sam in eine Richtung entlang des Gehsteigs weiter. Irgendwann gehen wirdann auch zurück zum Auto und setzen unsere Fahrt auf der Suche nachder Unterkunft fort.