Jahrgang 
79 (1976) / N.S. 30
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Volkskunde wichtig. Es ist immer wieder erstaunlich, über wieviele Gebiete eseigentlich mittelalterliche Fachliteratur gegeben hat und aus welchen Quellen,vor allem lateinischen, sie sich gespeist hat. Die freien" und die unfreien"Künste haben jeweils ihre eigene Literatur gehabt, wobei unter den unfreien"Gebiete wie Handwerk, Kriegswesen, Seefahrt, Handel, Landbau, Haushalt, Jagd,Heilkunde und Hofkunst" inbegriffen sind. Daß Gebiete wie Landbau, Tier-haltung, Jagd, aber auch Heilkunde für die Volkskunde wichtig sind, ist selbst-verständlich. Besonders spürbar ist aber die Bereicherung doch wohl auf denGebieten der verbotenen Künste", wozu Mantik und Magie einerseits undGaunertum und Betrug anderseits gezählt werden. Man wird wohl künftighin beijeder Arbeit auf dem Gebiet des Volksglaubens" zunächst nachschauen müssen,was an ,, Mantik und Magie" sich schon in dieser so versteckten Literatur gefun-den hat.

Das Gebiet ist durch eine sehr ausführliche Bibliographie erläutert, für dieman besonders dankbar sein wird. Aber auch die Register ergeben selbstver-ständlich die notwendigen Aufschlüsse zumindest über die Personen der altenwie der neuen Zeit. Im ganzen also ein in seiner Art notwendiges und nützlichesBuch.Leopold Schmidt

Alfred Cammann, Märchenwelt des Preußenlandes(= Heimatund Volkstum, Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde, 1973. SchloßBleckede an der Elbe 1973, Otto Meissners Verlag. 604 Seiten, zahlreicheAbb. auf Tafeln.

Alfred Cammann vom Verein für niedersächsisches Volkstum in Bremenist in den letzten Jahren durch eine Reihe bedeutender Sammlungen von Volks-erzählungen bekannt geworden. Immer geht es ihm um die Aufsammlung vonMärchen, Sagen und Schwänken bei den Menschen, die ihre alte Heimat imdeutschen Osten verloren haben, die sich aber allmählich in ihren heutigenWohnorten in Westdeutschland wieder haben finden lassen. Auf diese Weise istCammanns wichtiger Band Westpreußische Märchen"(= Supplement- Band zurFabula, A 3, Berlin 1961) entstanden, auf ähnliche Weise hat er sein Buch Deutsche Volksmärchen aus Rußland und Rumänien( Göttingen 1967)erarbeitet.

Hier liegt nun der sehr stattliche Band mit den Volkserzählungen aus Ost-und Westpreußen vor, die er nach dem Zweiten Weltkrieg von Gewährsleutenin Westdeutschland erfahren konnte. Cammann hat ein sehr enges Verhältnis zuseinen Gewährsleuten, von seinen Schülern bis zu deren Großmüttern, und schil-dert auch gern, wie er jeweils an diese herankam und wie selbst die Schüler mitdem Tonband auf die Jagd nach den Märchen ihrer Großmütter ausgeschicktwurden. Auf diese Weise sind so manche Erzählungen auch in Mundart fest-gehalten worden und die Photographien der Gewährsleute ließen sich dadurchauch beibringen.

Die Erzählungen sind in den vier Gruppen: Märchen, Legenden, Schwänke,Sagen jeweils nach den Gewährsleuten angeordnet, vermutlich um deren Erzähl-stil geschlossen vorzuführen. Die Märchen hat Kurt Ranke ganz knapp auf nureiner halben Seite in einem Typen- Verzeichnis" erläutert. Die Sagen, für dieman immerhin die ostpreußische Sagenliteratur ausführlicher heranziehen hättekönnen, sind ganz unkommentiert geblieben. Auch zu den Schwänken wärenErläuterungen wohl nicht schwer gefallen, aber vielleicht soll der ganze Bandeinmal durchkommentiert werden. Man kann es selbstverständlich verstehen,daß Cammann hier eine Art Hausbuch für seine Erzähler und deren Bekannten-kreise schaffen wollte. Die verhältnismäßig ausführlichen Berichte über seineGewährsleute, aus denen man ja ein ganzes Stück Geschichte unserer Zeit her-

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