Jahrgang 
79 (1976) / N.S. 30
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tiger erscheinendes Kapitel angeschnitten. Von hier geht der Blick auf die,, Humorlandschaften", deren Karten 45-47 man wohl besonders nachdenklichbetrachten wird. Man könnte dieses Gebiet anhand anderen Materials wohl auchanders durcharbeiten und dann erneut kartographisch darzustellen versuchen.

Der Atlas der deutschen Volkskunde ist mit diesem bedeutenden Werkeinem Teilgebiet des Faches Volkskunde nähergerückt, das etwa durch das mäch-tige Redensarten- Werk von Lutz Röhrich und Gerda Meinel in der letzten Zeitstärker als bisher in den Vordergrund geschoben wurde. Man wird mancheErgebnisse der Forschung also nunmehr auf zwei Linien zu erreichen versuchen.Die Möglichkeiten für die zweite, die kartographische Linie, hat Gerda Grober-Glück mit ihrem großen Werk geschaffen. Dazu muß man herzlich Glück wün-schen, denn so konzentrierte Arbeit wird doch nicht alle Tage, nicht einmal alleJahre einmal geleistet, und wir haben alle den Gewinn davon, daß ihre Ergeb-nisse nunmehr auch schön veröffentlicht vorliegen. Leopold Schmidt

Betty J. Bäuml und Franz H. Bäuml, A Dictionary of Gestures.Metuchen, New Jersey 1975. 284 Seiten, einige Abb.$ 11,.

Es gibt Gebiete, die lange Zeit wenig beachtet bleiben, und dann wiedergleich mehrfach bearbeitet werden. Das interessante aber schwierige Gebiet derGebärden, Gesten und Haltungen, das ein eminent volkskundliches Gebiet ist,aber auch die Sprachforschung wie die Kunstwissenschaft beträchtlich interessie-ren muß, gehört hierher. War vor kurzem auf das Buch von Robert L. Saitz,Edward J. Cervenka und Melanie Pekarsky, Handbook of Gestures:Colombia and the United States( Mouton 1972) aufmerksam zu machen, so han-delt es sich jetzt wieder um ein in den Vereinigten Staaten erschienenes Buch,und wieder tragen die Verfasser deutsche Namen.

Sie haben sich zum Ziel gesetzt, aus allen zur Verfügung stehenden Quel-len ein Wörterbuch der Gebärden zu erstellen und sind dabei weitgehend aufjene Gesten- Somatologie gekommen, die ich einstmals, 1953, vorgeschlagen habe.Die Bäumls kennen übrigens auch diese Arbeit, wie ihre sehr ausführliche Biblio-graphie erweist. Ihre direkten Anregungen haben sie offenbar von Archer Taylorempfangen. Mitteilungen sind ihnen von dem zu früh dahingegangenen HerbertFischer in Graz wie von Wayland D. Hand und manchen anderen zugekommen.

Sie haben daraus ein sehr brauchbares Wörterbuch gemacht, das Körper,Finger, Knie oder was es sonst sein mag in den jeweiligen Verbindungen heran-zieht. Also beispielsweise das Manesse- Bild Walthers von der Vogelweide( S. 40)nach Kinn, Hand und Knie. Man kann bei den einzelnen Artikeln dann die Ver-bindungen feststellen, die etwa die Haltung Pensiveness" ergibt. Wenn mansich jeweils in die englische Terminologie einliest, gewinnt man gewiß Auf-schlüsse der verschiedensten Art. Die Verfasser haben sich übrigens, wie schondas Walther- Beispiel zeigt, bemüht, Zeugnisse der bildenden Kunst heranzu-ziehen. Eine Liste( S. XXXIV f.) gibt darüber Aufschluß, was sie von Barcelonabis Venedig daraufhin durchgesehen haben. Nach Wien hat sie ihr Weg offenbarnicht geführt, und ins Institut für mittelalterliche Realienkunde nach Krems auchnicht, wo man ihnen vielleicht hätte zeigen können, wie man so etwas heutemethodisch macht. Daß die Interpretation mittelalterlicher Bilder schwierig istwie jeder Fachmann weiß, ergibt sich sogleich bei einer Stichprobe. AufS. 102 wird als Abb. 6 eine Verspottung Christi( Miniatur in der Pierpont MorganLibrary, New York) aus dem Stundenbuch der Katharina von Cleve gezeigt.Vorn links kniet ein Knecht und verspottet durch Fingergebärden den sitzendenHeiland. Die Autoren glauben zu sehen, daß er mit den Fingern der linkenHand die Nase hochzieht, eben als Spottgebärde. Aber dem ist nicht so, derMaler hat nur die Gebärde so schräg im Bild nicht deutlich darstellen können:

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