Jahrgang 
79 (1976) / N.S. 30
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der Warte der Ordensleute selbst, die sonst gerade für die Durchsetzung dieserernst gemeinten Schauspiele so viel getan hatten.

Es handelt sich, wie der vollständig abgedruckte Text zeigt, um eine köst-liche Parodie, schärfer als Sebastian Sailer, an den man sonst hier zunächstdenkt. Aber der Luzerner Patrizier war eben eine sehr angriffslustige und spott-süchtige Person, wie die anderen von ihm erhaltenen Texte zeigen.

Die breit angelegte Dissertation von Walter Haas bietet nicht nur densprachlich genau kommentierten Mundarttext des Isaac", sondern in der aus-führlichen Einleitung einen Einblick in die Lebenswelt des Verfassers, der nachvielen Irrungen und Wirrungen 1784 gestorben ist. Für uns bleiben die Beziehun-gen von Schumachers Parodie von 1743 zu den Tiroler Volksschauspielen amwichtigsten, die offenbar im katholischen Luzern einen ganz anderen Ruf gehabthaben müssen, als man für gewöhnlich annimmt. Der Vorprolog" zum Isaac"spricht deutlich genug, daß man der tyrolärä eyfalt ausspihlä" wolle oder auch,daß man vorzuführen gedenke,, wie's in den tyroler commedenen so eyfältigzuegeht". Mit dieser aufklärerischen Haltung gegen die geistlichen Volksschau-spiele in Tirol wird man sich also auf Grund dieser Zeugnisse wieder eingehen-der befassen müssen.Leopold Schmidt

Jean Cuisenier, Die Volkskunst in Frankreich. Ausstrahlung, Vor-lagen, Quellen. Großformat, 320 Seiten mit 350 einfarbigen und 55 vier-farbigen Abbildungen. Übersetzt von Torsten Gebhard. München 1976,Verlag Georg D. W. Callwey. DM 160,-.

Ohne einer ausführlichen Besprechung vorgreifen zu wollen, sei hier dochrasch darauf hingewiesen, daß sich die französische Volkskunst neuerdings invorzüglichen Abbildungswerken erschließt. Vor kurzem erst ist das große Buchvon Georges- Henri Riviére und seinem Mitarbeiter darüber erschienen ¹).Riviére war bis vor wenigen Jahren Direktor des Pariser Volkskundemuseumsund nun hat sein Nachfolger, Chefconservateur Jean Cuisenier, ebenfalls einenumfangreichen Band, L'art populaire en France. Rayonnement, modèles etsources"( Fribourg 1975), herausgebracht.

Dieser stattliche Band liegt nun dank der Initiative des Callwey- Verlagesbereits in deutscher Übersetzung vor. Der Münchner Verlag, durch seine zahl-reichen Volkskunst- Veröffentlichungen rühmlich bekannt, plant offenbar eineneue Reihe, denn auf dem Vortitel des Bandes steht ,, Volkskunst der Welt inEinzeldarstellungen", und mit dem Band Frankreich wird also hier ein inter-essanter Anfang gemacht.

Der Band stützt sich ebenso wie das Buch von Riviére hauptsächlich aufdas gesammelte Material des Pariser Museums. Cuisenier versucht es so zu ord-nen, daß es dem modernen Betrachter näherkommt, verständlich wird. Er beginntmit einem, Überblick über das Sachgebiet", in dem er für jeden Leser inter-essant über Die Beurteilung von Werken der Volkskunst" handelt. Zur großenGliederung schreitet er mit dem Unterkapitel Objektgattungen und Werkstoffe".Dann geht er im nächsten Hauptabschnitt auf Das Verständnis der Werkgat-tungen" über, wobei altbeliebte Schlagwörter wie Naivität, Archaismus",,, Primitivismus" ihre Einordnung finden. Wenn man den Untertitel Das wildeDenken und die Magie in der Volkskunst" liest, merkt man, daß Cuisenier vonder Völkerkunde, im besonderen vom Strukturalismus eines Levi- Strauss her-kommt. Aber er bemüht sich sichtlich, die Fülle der Erscheinungen in den Griffzu bekommen. Er schildert Das Zustandekommen der Formen", spricht vonden Vorlagen, von den Quellen und von dem Begriffspaar Tradition und

1) André Desvallées und Georges Henri Rivière, Arts populairesdes pays de France. I. Arts appliqués. Paris 1975.

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