aufgenommen, genau vermessen und beschrieben. Der Prähistoriker der Univer-sität Mainz, R. von Uslar, hat ein wohlmeinendes Geleitwort dazu verfaßt,in dem er aber doch klar genug ausspricht, daß zumindest ein Teil der hier ver-öffentlichten Zeichen aus dem Mittelalter und noch aus der Neuzeit stamme.Die Meinung des Verfassers Ludwig Schmidt geht darüber weit hinaus; er glaubt,wie mancher seiner Vorgänger, in den Zeichen viel Germanisches, Vorchrist-liches zu finden.
Es sind insgesamt 572 Funde, die auch durch 428 Photos nachgeprüft wer-den können. Aber ein ganz beträchtlicher Teil davon ist, wie eigentlich schonder erste Überblick zeigt, rezent, Zeichen und Buchstaben verweisen nicht wenigeStücke als 19., ja sogar 20. Jahrhundert. Wozu man in eine solche SammlungStücke wie Herzrahmen mit je zwei Buchstaben darin aufnimmt, wie man sieauf jeder Parkbank sehen kann, weiß ich nicht, ebensowenig, warum manS- Runen oder auch einen fünfzackigen Stern eindeutiger Abstammung über-haupt registrieren muß. Sogar eine gut militärische Einmeißelung wie„ Reservehat Ruh" hat Aufnahme gefunden. Da wäre zweifellos eine strenge Auswahl amPlatz gewesen, die zumindest versucht hätte, die für eventuelle weitere Forschun-gen wichtigen Funde genauer zu präsentieren und zu interpretieren, alles andereaber einem entsprechenden Archiv zu überlassen.
Falls jemand anderes aus diesem Material herauslesen kann oder die mirüberflüssig erscheinenden Aufzeichnungen vielleicht der Gegenwartsvolkskundeüberlassen möchte, soll's mir auch recht sein. Einer normalen Volkskunde, dieauch für wichtige Projekte immer noch recht beschränkte Mittel zur Verfügunghat, müssen solche Unternehmungen doch etwas zweifelhaft und zumindesteigenbrötlerisch erscheinen.Leopold Schmidt
Convivium Musicorum. Festschrift Wolfgang Boetticher zum sechzigsten Geburts-tag am 19. August 1974. Herausgegeben von Heinrich Hüschen undDietz- Rüdiger Moser. Berlin 1974, Verlag Merseburger GmbH. 395 Sei-ten mit mehreren Abbildungen.
Die Festschrift für den verdienstvollen Musikwissenschaftler WolfgangBoetticher würde man von volkskundlicher Seite her kaum aufschlagen, auchwenn sich so mancher allgemein interessierende Beitrag zur Musikgeschichtedarin findet. Aber der Mitherausgeber Dietz- Rüdiger Moser hat mitten indem Band einen Beitrag veröffentlicht, um dessentwillen man sich damit ebenbeschäftigen muß. Moser hat noch dazu einen Titel gewählt, nämlich„ Volks-lied Katechese. Das Exemplum Humilitatis Mariae in der Missionspraxisder Kirche"( S. 168-203, mit 5 Abb.), der den Zugang zunächst auch nichterleichtern dürfte. Aber liest man sich einmal, in Kenntnis anderer ArbeitenMosers, hier ein, so wird man doch finden, daß es sich um die Behandlung einesäußerst wichtigen Problemes handelt: Nämlich um die scharfe Herausarbeitungder Tatsache, daß beträchtliche Teile des Gesamtgebietes„ Geistliches Volks-lied" eigentlich der Glaubenspropaganda der Gegenreformation angehören. Vieleder besonders bekannten und beliebten mystisch klingenden Lieder, vor allemMarienlieder, sind offenbar auf der Grundlage von spätmittelalterlichen Visio-nen, vor allem der hl. Birgitta, motivmäßig geformt und von Volksmissionarensangbar gemacht und verbreitet worden. Ob„ Katechese”, ja„, Indoktrination"immer die passenden Ausdrücke für diesen Vorgang sind, ob man diese„ Volks-lied- Katechese" wirklich in ein„ Normengefüge" einspannen kann, das von,, positiven Sanktionen" über einen„ Einbindungsprozeß" bis zu„ negativen Sank-tionen" reichen soll, das alles mag fraglich sein. Und fraglich erscheint mirauch, ob man alle die uns so wohlvertrauten Bilder im geistlichen Volkslied soganz auf die Jesuitenmission beziehen darf, die Moser übrigens für viel volks-tümlicher hält als etwa Leopold Kretzenbacher, der sich ja gerade mit diesen
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