Jahrgang 
79 (1976) / N.S. 30
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Literatur der Volkskunde

Leopold Schmidt, Gegenwartsvolkskunde. Eine bibliographische Ein-führung(= Veröffentlichungen des Instituts für Gegenwartsvolkskunde,Sonderband 1). Wien, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissen-schaften 1976. Brosch. 153 Seiten, S 180,-.

Solch einen Band nimmt man als akademischer Lehrer, der ein gutes StückWeges der Entwicklung unseres Faches von den frühesten dreißiger Jahren bisheute immerhin hellwachen Sinnes mitgegangen ist, doch mit recht eigenartigenGefühlen zur Hand. Nicht etwa deswegen, weil es zum angeblich Langweiligstenund vermeintlich Nutzlosesten gehört, Kataloge und gar Bibliographien rezensie-ren zu wollen. Eher schon deswegen, weil einem das Wort Gegenwartsvolks-kunde", der man auf seine Art nie aufgehört hat zu dienen, immer wieder neuals ein forderndes Schreien von manchen ins Ohr gellt, bei denen man auchnach Jahren keinen Widerhall als Selbstgeleistetes, als, Ertrag" hören, als Fruchtgeistigen Ringens lesen könnte. Hier darf man gottlob und wirklich gerechter-weise sehr viele von den jungen Kollegen rühmlichst ausnehmen. Die eigeneSkepsis galt und gilt immer noch jenen, die so besonders fanatisch nach neuenWegen im Fach schrien, die ganz unverblümt vom Unsinn der Museen", dieman ausräumen sollte, sprachen und davon, daß tabula rasa eigentlich die ein-zige Möglichkeit einer neuen Kultur" sein könne. Nun, um diese Leute, die oftnur ihr mangelndes Wissen um Historie mit Ideologie- Programmen, eigenes Leer-sein als Aufbruchsmentalität nach Utopia anpriesen, ist es stiller geworden; nichtnur wegen der Finanzpleite in manchen Wirtschaftswunderländern, die ihreundankbaren Kinder nicht einfach in wohlstandsgemäße, notfalls sogar bürger-liche Stellen" einweisen können. Wer gründet heute schon Institute für Nach-wuchs- Wissenschafter? Oder doch? Immerhin: Leopold Schmidt tat es1972(!) im kleinen Österreich an dessen großer Akademie der Wissenschaftenund mit dem modernen" Namen und auch einem klaren Willen zur Gegen-wartsvolkskunde". Schon hat sich dieses Institut mit mehreren Publikationenvorgestellt. Ein erster Sonderband ist diese bibliographische Einführung". Esist lehrreich, ernüchternd und auch befriedigend, darin zu lesen und aufzufinden,was andere nur forderten. Und schon wieder kommt mir altem Mann die Erinne-rung, daß auch so etwas nicht von ungefähr" entsteht. Damit hat L. Schmidt,der in Gefolge und Gesellschaft mit wirklich bahnbrechenden Gegenwartsvolks-kundlern", wie W. E. Peuckert( 1931), J. Klapper( 1934), A. Spamer( 1933/34) usw., selber 1940 seine Wiener Volkskunde. Ein Aufriẞ", damals zeit-entsprechend wenig beachtet, vorgelegt hatte, das erfüllt, was er 1951 in einerrichtungsweisenden Rezension zu Franz Mörth, Kapfenberg im Wandel derZeiten, Kapfenberg 1949, zu sagen wagte( ÖZV NS 5/54, H. 3-4, 1951, 182 f.),als Hoffnung: Diese wackere und anerkennenswert geförderte Bestandsauf-nahme wird hoffentlich den Blick dafür freimachen, daß gerade von der moder-nen Volkskunde her nun anderes gefordert werden muß"( jenes Industrie-Kapfenberg mit seinen Stahlarbeitern) hat die Möglichkeit, Arbeiter- Volkskundezu treiben..." Und welches Gewitter, das auch den Rezensenten traf, löste die-ser Satz dann aus: Vielleicht kann von dort aus die Erneuerung der steirischen

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