Die Volkskultur der Babenbergerzeit
Von Leopold Schmidt
Die Volkskunde des Hochmittelalters ist beinahe ebenso schwie-rig wie die Gegenwartsvolkskunde. Betrachtet man die Äußerlichkei-ten, die Realien, so gibt es davon zwar aus dem Hochmittelalter sehrwenig und aus der Gegenwart sehr viel, aber beide Gruppen lassensich nur mit Mühe volkskundlich interpretieren. Die Grautonware, dasnormale Kochgeschirr der romanischen Epoche, erlaubt ebensowenigeinen Einblick in Geist und Seele seiner Benützer wie das moderneKüchengeschirr, die Fabriksware aus Aluminium und Kunststoff. Dieeinfache Leibkittelkleidung des Hochmittelalters war nicht weniger ein-förmig als der graue Anzug des Mannes in der Gegenwart. Es ist dahernicht zu verwundern, daß man sich mit beiden Epochen bisher eigent-lich recht wenig Mühe gegeben hat. Wir waren und sind bei weitemstärker auf die Volkskultur der frühen Neuzeit eingestellt. Diese Zeitso ungefähr zwischen 1492 und 1789 hat all das ergeben, was anschau-lich zeigt, wie sich die Mutterschichten des Gesamtvolkes von denTochterschichten unterschieden haben, was aus den Wachstumsvor-gängen nach oben und unten, wenn man es sozial so ausdrücken will,an Ergebnissen verblieben ist. Die Objekte der Volkskultur der frühenNeuzeit waren und sind es, die in den Museen gesammelt wurden.Diese sichtbaren Ergebnisse einer großen Ausdifferenziertheit habenzur Anerkennung einer„ Volkskultur” als eigener kultureller Größegeführt.
Kaum irgendein Stück in volkskundlichen Sammlungen geht indas Hochmittelalter zurück; kaum irgendein Objekt vermag uns eineVorstellung von irgendeinem Teilgebiet der Volkskultur der Baben-bergerzeit zu geben. Man muß sich also, um sich davon doch eineVorstellung machen zu können, anders orientieren, denn es waren dochin jenem Vierteljahrtausend Menschen da, welche von der Kornsaatund der Viehweide an bis zum Märchen und zum Rätsel all dasgekannt und besessen haben, was man so für gewöhnlich als Volks-kultur bezeichnet. Sie waren in hervorragendem Ausmaß anonymman kennt doch fast nur die Namen der Fürsten, der Hochadeligen,
Öffentlicher Vortrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, gehaltenam 5. Mai 1976.
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