Alte Leute, Alltägliches Erzählen usw. sind aufgenommen, wodurch sich derUmfang des Werkes freilich bedenklich erweitern dürfte. Man will wohl selbst-verständlich das Stichwort„ Aladdin", sucht aber nicht ohne weiteres„ Amulett",auch wenn man sich durch den Artikel überzeugen lassen wird, daß Amulettein Volkserzählungen eine Rolle spielen. Aber die„ EM" hat sich offenbar zumZiel gesetzt, alle Fragen, die man an sie stellen könnte, tatsächlich auch zubeantworten. Da wird man wohl auf viele Bände kommen, und in diesem undim nächsten Jahrzehnt noch mit Lieferungen rechnen müssen, die freilichschon viele neue Mitarbeiter werden bewältigen müssen.
Wenn man die Vorgeschichte des Werkes einigermaßen kennt und denIdealismus, mit dem immer wieder an seine Förderung herangegangen wurde,wird man ihm zunächst nichts besseres als ein gutes Gelingen wünschen können.Wenn es möglich wäre, in jedem Jahr zwei Lieferungen herauszubringen, wiees die Herausgeber zur Zeit planen, wäre dies schon großartig, und nicht nurfür die Märchenforschung, sondern für unser ganzes Fach von größẞtem Nutzen.Leopold Schmidt
Wien im Mittelalter. Katalog der 41. Sonderausstellung des HistorischenMuseums der Stadt Wien, 18. XII. 1975-18. IV. 1976. Eigenverlag derMuseen der Stadt Wien. Brosch. 171 Seiten, 32 Bildtafeln, 4 davon inFarben. S 96,-.
Wenn es jeder Generation auferlegt ist, auch im Überbetonen der soge-nannten ,, Gegenwartsfunktion" ihrer Wissenschaft zurückzublenden und dasSeiende am Gewordenen und eben als solches zu messen, dann wird die öster-reichische Volkskundeforschung, die sich in der langen Geschichte desFaches) niemals den Blick auf die historische Dimension gewachsener Kulturhatte verstellen lassen, in diesem so vielfältig im Donau- und Südostalpenbereichbedeutsamen Gedenkjahr 1976 gerade das Bild des„ Mittelalters" vor Augenführen. Sie wird von unserem neuen, durch gewandelte gesellschaftshistorischeAspekte erweiterten Erkenntnisstand aus Analysen geben und die kommendenSchwerpunkte zu bestimmen suchen. Das Ringen um einen neuen„ Mittelalter"-Begriff im Westen 2), besonders aber im Herzen unserer zunächst als Rand-landschaft des Heiligen Römischen Reiches untergeordneten, aber gegenüberdem weiten Osten mit Byzanz offenen Donaulande 3) schlägt sich in dergegenwärtigen Forschung vielfach nieder. Es ist unverkennbar, daß der Beitragder Volkskunde gerade von Seiten der führenden Historiker erhofft wird, wennes z. B. bei Karl Bos14) um das Erfassen der Strukturen zwischen archaischerGesellschaft und Aufbruchsmentalität der pauperes, d. h. der Politisch- Recht-losen, die deswegen nicht auch egentes im Sinne von materiell Armen, wohlauch inermes, Waffen-, d. h. Schutzlose und daher in eine familia Gebundene
1) Leopold Schmidt, Geschichte der österreichischen Volkskunde.Wien 1951( Buchreihe der Österr. Zs. f. Volkskunde, N. S., Band II).
2) Jürgen Voss, Das Mittelalter im historischen Denken Frankreichs.Untersuchungen zur Geschichte des Mittelalterbegriffs und der Mittelalterbewer-tung von der 2. Hälfte des 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. München 1972.3) Robert Waissenberger, Wien, europäische Bedeutung im Mittel-alter( anzuzeigender Katalog S. 7 ff.).
Karl Bos I, Die Grundlagen der modernen Gesellschaft im Mittelalter.Eine deutsche Gesellschaftsgeschichte des Mittelalters. 2 Bände.(= Monogra-phien zur Geschichte des Mittelalters 4.) Stuttgart 1972.
166