Literatur der Volkskunde
Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichen-den Erzählforschung. Herausgegeben von Kurt Ranke zusammenmit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Lutz Röhrich, Max Lüthi,Rudolf Schenda. Redaktion Lotte Baumann, Ines Köhler, Elfriede Moser-Rath, Ernst Heinrich Rehermann, Hans- Jörg Uther. Bd. 1, Lieferungen1-2. Berlin und New York 1975, Verlag Walter de Gruyter. Jede LieferungDM 68,-
Die Geltung der Volkskunde als Fach ist ab dem Ende der Zwanzigerjahrevor allem deshalb angestiegen, weil man sich zur Schaffung zweier großerwissenschaftlicher Unternehmungen entschlossen hatte. Man trat an die Grün-dung des Atlas der deutschen Volkskunde heran und man überlegte dieBearbeitung von Hand wörterbüchern, die zunächst dem Volksglauben,der Sage und dem Märchen gewidmet sein sollten. Der Atlas ist immerhinsehr weit gediehen und nach dem Zweiten Weltkrieg in einem neuen Anlaufauch wieder weiter gefördert worden. Von den geplanten Handwörterbüchernkonnte infolge der großartigen Vorarbeiten der Schweizer Eduard Hoffmann-Krayer und Hanns Bächtold- Stäubli das des„, Aberglaubens" erscheinen,es wurde, wenn auch mit sehr viel Mühe und nur infolge der aufopferndenHilfe des damaligen Verlagsleiters von de Gruyter, in den letzten Kriegsjahrennoch fertiggestellt. Das gleichfalls begonnene„, Hand wörterbuch desdeutschen Märchens", das Lutz Mackensen leitete, blieb nach zweiBänden liegen. Eine Wiederaufnahme scheint nicht mehr ins Auge gefaßtworden zu sein.
Erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg fand sich die Volkserzählungs-forschung auf einem derartigen Stand, daß an die Schaffung eines ähnlichen,nur größer geplanten Lexikons herangetreten wurde. An der Göttinger Lehr-kanzel hatte wohl schon Will- Erich Peuckert erste Samenkörner dafür gelegt.Die materielle und wissenschaftliche Basis dafür hat aber erst Kurt Rankegeschaffen, der, nun schon als Emeritus, doch als Hauptherausgeber diesernunmehr ,, Enzyklopädie des Märchens" genannten, groß geplanten Zusammen-arbeit zeichnen kann. An Vorarbeiten muß in Göttingen an die zwei Jahrzehntehindurch unglaublich viel geleistet worden sein. Dennoch scheint das Werk,wie es jetzt sich mit den ersten Lieferungen vorzustellen beginnt, etwas andereszu sein, als man anfangs denken mochte.
Die ersten Artikel zeigen deutlich, was nun geboten werden soll: EinmalKurzmonographien über jeden Märchentypus, wie man wohl auch von Anfangan geplant hatte. Dann Kurzbiographien über jeden Märchenforscher, derdas dafür notwendige Niveau gehabt haben mag. Dann aber Einzelmotive, diein Märchen vorkommen können, aber auch in Sagen, Legenden, Beispieler-zählungen usw. im Märchenumkreis eine Rolle spielen. Dann Länderartikel,die mit einem Blick den Märchenschatz von Abessinien oder von Ägyptenerfassen lassen sollen. Dazu kurze Zusammenfassungen über Fragenbereiche,die sich hier immer wieder aufdrängen, also etwa zur Altersbestimmung desMärchens. Aber auch ethnologisch- volkskundliche Begriffe wie Akkulturation,
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