werden. Die kluge Auswahl bringt alle wichtigen Märchentypen, unter denen sichauch Vertreter der schon seit Grimm und Bechstein wohlbekannten Erzählungenwie Hänsel und Gretel, Goldmarie und Pechmarie, Rätselprinzessin Turandot usw.befinden. Sagen, Legenden und Schwänke ergänzen diesen Hauptbestand. Fürden Süden des Landes ist ein gewisses Nachleben der Erinnerung an die imFrühmittelalter dort herrschenden Mauren festzustellen, im Norden eine nach-barliche Auseinandersetzung mit den Spaniern in Galicien, wobei sich die Portu-giesen als die intellektuell Überlegenen vorkommen. Die Sammlung ist durchausführliche Anmerkungen erschlossen, die auch auf die ab und zu vorkommen-den Erwähnungen von Märchennahmen in der portugiesischen Hochliteratur seitdem 16. Jahrhundert hinweisen, woraus sich also auch ein Einblick in dieMärchengeschichte des Landes ergibt ¹).
Die Märchen aus Korea stehen uns ferner, ebenso fern wie jeneaus China und aus Japan, zu denen es mehrfache Verbindungen gibt. Eindeutscher Lektor, der in Seoul mit einer Koreanerin verheiratet ist, hat dieMärchen aus den gar nicht wenigen koreanischen Sammlungen ausgewählt undübersetzt. Vor zwanzig Jahren hat es bereits einmal eine ähnliche, freilichweniger umfangreiche Auswahl gegeben, nämlich den Band von E. Eckardt,Die Ginsengwurzel. Koreanische Sagen, Volkserzählungen und Märchen.Eisenach 1955. Es bestürzt ein wenig, wenn man bedenkt, daß jener Band damalserschien, weil das Thema durch den Koreakrieg aktuell erscheinen mußte, unddaß das Erscheinen der Portugiesischen Märchen nunmehr vielleicht durch dieUmwälzungen in Portugal mitangeregt worden sein mag. Aber sei dem wieimmer, die Volkserzählforschung ist da offenbar die gewissermaßen unschuldigeNutznießerin der Weltgeschichte.
Die Typenangaben in beiden Bänden wurden von Kurt Ranke erstellt,und erleichtern wie immer dem Nachforschenden die Einordnung der Erzäh-lungen.Leopold SchmidtMalaiische Geschichten. Aus dem Malaiischen übertragen von Hans Over-beck. Düsseldorf- Köln 1975, Eugen Diederichs Verlag. 278 Seiten.
Auf diese Sammlung muß hier hingewiesen werden, weil sie für dieMärchen- und Schwankforschung von Bedeutung ist. Besonders die malaiischenSchwänke haben so manche Ähnlichkeit mit alten europäischen Überlieferungen,und vor allem die Schwankfigur des Pa Pandir läßt sich mit Gestalten wie Eulen-spiegel in mancher Hinsicht vergleichen. Besonders das dümmliche wörtliche Aus-führen von Befehlen verbindet Pa Pandir durchaus mit seinem niederdeutschenVetter. In anderen Dingen sind die Unterschiede freilich sehr groß.
Das Buch, wunderschön in original- malaiischen Battist gebunden, hat seineeigene, ziemlich traurige Geschichte. Der so ungemein interessierte und unter-nehmende Verleger Eugen Diederichs hatte sich zur Herausgabe einer Schriften-reihe ,, Insulinde" entschlossen, wie er ja auch seine Reihen„ Thule" und ,, Atlantis"gründete, und vor allem seine ,, Märchen der Weltliteratur". Für„ Insulinde" hattesich der deutsche Exportkaufmann Hans Overbeck angeboten, der zwanzig Jahreseines Lebens meist auf Java zubrachte und vor allem in der Internierung während
1) Inzwischen ist noch ein weiteres Bändchen mit portugiesischen Märchenin deutscher Übersetzung erschienen, auf das hier auch aufmerksam gemachtwerden muß: Felix Karlinger und Maria Antonia Espadinha, Märchenaus Portugal. Illustriert von Arnhild Johne/ Oskar Reiner(= Fischer- Taschen-buch Nr. 1683) 159 Seiten. Frankfurt am Main 1976.— Es sei darauf hinge-wiesen, daß in dieser billigen Taschenbuch- Reihe bisher nicht weniger als zwan-zig Märchen- Bände erschienen sind.
102