Jahrgang 
79 (1976) / N.S. 30
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vom

Zustande nach

Edmund Spiess, Entwicklungsgeschichte der Vorstellungendem Tode auf Grund vergleichenderReligionsforschung. Unveränderter photomechan. Nachdruck nach der Aus-gabe Jena 1877( bei H. Costenoble), Graz, Akademische Druck- u. Verlags-anstalt 1975. Geb. 616 Seiten.

Neudrucke haben ihr mehrfach Gutes. Sie erleichtern, ermöglichen sogaroft erst den Zugang zu den in den Bibliotheken( oft kriegsbedingt) selten gewor-denen Werken. Die Werbetätigkeit der Verlage bringt heute inmitten verhängnis-voller Spezialisierung der Einzelforscher solche Werke viel mehr Fachgebietenzur Kenntnis als ehedem. Wenn es sich bei den nachgedruckten Büchern wie imvorliegenden Falle des volks- und völkerkundlich interessierten evangelischenTheologen Edmund Spiess( 1836-1889) noch dazu um eine Art Bilanz"des zu seiner Zeit für eine Vergleichende Religionswissenschaft" Errungenenhandelt, dann ist solch ein Band auch für unser Fach von großem Nutzen. Nichtzuletzt deswegen, weil der gegenwärtige Terminologie- Wirrwarr in Mitteleuropa,noch gesteigert durch die unverkennbare Dominanz der religionswissenschaft-lichen Forschung in Frankreich, die in den deutschsprachigen Ländern nicht imverdienten Maße sofort verwertet wurde, heute den Zugang auch zu dem er-schwert, was das spätere 19. Jahrhundert schon wußte" und hier wie in einemCompendium zur Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nachdem Tode" vorgelegt hatte. Spiess hatte dieses vom Indologen Max Müller( 1823-1900) so entscheidend geprägte, aber auch bis heute nur an ganz wenigendeutschsprachigen Hochschulen etablierte Fach als Privat- Dozent in Jena gelesen.Er vermochte eine für seine Zeit schon erstaunlich große Bibliographie, alsRepertorium aller wichtigen Werke und Schriften über die gesamte VergleichendeReligionsforschung" für Fachinteressierte vorzulegen, denen wie ihm die Erkennt-nis moderner archäologisch- prähistorisch- religionssoziologischer Forschung, zuder eben auch unsere Religiöse Volkskunde so viel beizutragen vermochte,fehlte. Also ging er von den so sehr verschiedenartigen Vorstellungen über Wesenund Ursprung der Seele" aus, ehe er sich an die weltweit erfaßbaren Sonder-prägungen der Eschatologie jener für das 19. Jahrhundert überschaubaren Zeit-räume und Religionsgemeinschaften wagte. Das hatte E. Spiess bereits im Kriegs-und Siegesjahr 1871 in seinem umfangreichen Werke Logos Spermaticos"( Leipzig 1871) als Forschungsprogramm aufgestellt( S. 24 ff., 51 ff.). Unter be-wußter Zurückstellung der christlichen Eschatologie verfolgt Spiess den Ent-wicklungsgang der Vorstellungen von Seele und Tod, von Leichenbestattung undGräbersymbolik in völkerkundlichen Bereichen( ,, unzivilisierter oder wilderVölker") wie in den alten Hochkulturen der Ägypter, der Chinesen( Kong- fu- tse,Lao- tse), der Inder in den Veden, im Brahmanismus und im Buddhismus, derpersischen Zoroaster- Lehre, des griechischen Hades wie des römischen Orcus;ferner der zu seiner Zeit so sehr ins Blickfeld getretenen Kelten wie der Ger-manen und auch der für ihn rätselhaften Slawen( S. 394 ff.), für die er immerhindie damals edierten griechischen( byzantinischen), lateinischen, orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag  orientalischenund deutschen Quellen nach den zu seiner Zeit besten Kennern( P. J. Šafarik,1795-1861; J. Dobrovsky, 1753-1829) vorstellt. Daß sich die darangeschlossene Eschatologie des Judentums als Unsterblichkeits- und Vergeltungs-Lehre wie jene des Islam vom zukünftigen Leben letztlich doch vor der Folie desChristentums aufrollt, zeigt die weitgreifende Bemühung des Werkes, das durchein Namens- und Sachregister erschlossen und mit allgemeinen Literaturhinweisenwie solchen zu jedem Einzelkapitel reich ausgestattet ist. Es macht ein zu frühvergessenes Werk eines Theologen auch für unsere Volkskunde der Überlieferun-gen im Geistig- Religiösen fruchtbar.Leopold Kretzenbacher

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