Jahrgang 
79 (1976) / N.S. 30
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beschäftigt hat. Auch dieser Band besteht hauptsächlich aus den sehr hübschgezeichneten und gedruckten Stickmustern, wie üblich rot auf weiß, wobei dasMaterial aus Privatsammlungen wie aus Museen, und zwar in Bayern wie inder Schweiz wie auch in Steiermark, Salzburg und Kärnten stammt. Aus derSchweiz sind die reichen Bestände aus Graubünden( Sammlung Elly Koch)besonders zu erwähnen.

Der Text versucht eine lesbare Übersicht über Geschichte und Technikdieser Frauenkunst zu geben, wobei die wichtigsten Vorarbeiten, besonders das,, Stickereiwerk" von Marie Schuette und Sigrid Müller- Christensen( Tübingen1969) entsprechend herangezogen erscheinen. Im allgemeinen folgt der Text dengeläufigen Annahmen über Herkunft dieser textilen Kunstfertigkeit und ihrerMotive, wobei Art und Herkunft der wichtigsten Motive gesondert besprochenwerden. Es geht wohl nicht ganz ohne Flüchtigkeiten dabei ab, von denen einigewenigstens angedeutet werden sollen. So wüßte ich nicht, daß in ägyptischenGräbern ,, Musterbücher" aufgefunden worden wären( S. 5); aber vielleicht sindeigentlich ,, Mustertücher" gemeint. Daß man Erzeugnisse der Kreuzstickerei imMittelalter oder später als billigen Ersatz" für Orientteppiche Glossar ::: zum Glossareintrag  Orientteppiche verwendet habensollte( S. 13), ist wohl nicht richtig ausgedrückt. Der Sprung von den bayeri-schen Rokoko- Kreuzstickereien zu den kostbar bestickten Paramenten in Alt-ötting, die selbstverständlich keinerlei Kreuzstich aufweisen( S. 19), ist nichtrecht gelungen; der Leser wird irregeführt. Die Formulierungen von Sachverhal-ten, über die man doch etwas ausführlicher reden müßte, sind manchmal über-haupt zu knapp geraten. So, wenn( S. 25 f.) davon gesprochen wird, daß die, Grenzen von Stickerei und Weberei fließend sind", dann wird der Laie ver-wirrt; gemeint ist wohl nur, daß in Stickerei mitunter die gleichen Motive wiein der Weberei auftreten, wobei die Weberei sicherlich als motivgebend anzu-sprechen ist. Aber da handelt es sich manchmal einfach um zu knapp gebrachteZitate, die dann ungerechtfertigte Verallgemeinerungen vermuten lassen. Soetwa an der Stelle( S. 23), wo es heißt ,, In Österreich war damals das Braut-taschentuch schwarz ausgenäht": Da ließe sich der Sachbeweis sicherlich nurmit größter Mühe führen.

Aber das Buch hat dennoch seine Qualitäten und gehört seiner Ausstattungnach sicherlich mit Recht zu den immer zahlreicher werdenden RosenheimerRaritäten".Leopold Schmidt

Lisl Fanderl, Bäuerliches Stricken. Alte Muster aus dem alpen-ländischen Raum. 160 Seiten mit 200 Abbildungen von Strickmustern,4 Farbtafeln. Rosenheim 1975, Rosenheimer Verlagshaus Alfred Förg.DM 39,80.

Stricken war als vor allem weibliche Handarbeit vor wenigen Jahrzehntennoch bei weitem stärker üblich als Sticken. Es war wirtschaftlich einfach notwen-dig, Socken und Strümpfe mußten im vorindustriellen Zeitalter handgestricktwerden, und in Landschaften, deren Trachten schöne Strümpfe zeigten, war auchdas Stricken von Wollstutzen und Wollstrümpfen mit schönen Mustern durchausüblich. Die Literatur ist verhältnismäßig spärlich, aber es sei doch daran erinnert,daß eine Trachtenforscherin vor solchem Format wie Mathilde Hain demGegenstand einmal eine eigene Arbeit gewidmet hat: Bäuerliche Strickkunst imSchlitzer Land( Zeitschrift für Volkskunde, Bd. XLVIII, Berlin 1939, S. 189 ff.).

Das vorliegende Buch ist freilich wie die Mappen über Kreuzstichmusterganz dem weiblichen Hausfleiß gewidmet, einer vielleicht wieder erwachendenFreude am Stricken, wie sie in Kreisen der Trachten- und Singbewegung immerwieder vorkommt. Der Ausgangspunkt ist für Lisl Fanderl begreiflicherweise dieSingbewegung, und Wastl Fander ist dementsprechend in einer schönen ge-

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