Dazu gehört ein auf tieferer Ebene sich bewegender Weg im goetheschenSinne: ,, Bist du es oder ist es der Gegenstand, der sich hier ausspricht?"
Pole und deren Spannweite sind immer eine Einheit, in der das Entgegen-gesetzte sich gegenseitig dient, wie Einatmung und Ausatmung, Sonne und Regen.Nur darum, daß der eine Pol, einst Herz der Volkskunde, über dem gegensätz-lichen, heute richtigerweise dominierenden, nicht ganz vergessen werde, ist hierdavon die Rede.
Zuletzt ist Pflicht,„ in eigener Sache" Mißverständnisse zu klären: MeineWorte ,, Vorstufe aller Breie... im Zuge historischer Entwicklung"beziehen sich nicht auf die Suppen, sondern die Körner( halbreif, roh...usw.) wenn auch sprachlich überaus knapp, so doch wohl eindeutig. Und dergesamte in Helsinki vorgelegte Vorschlag zu einer Systematik der Breie folgtin der Anordnung menschheitlicher Werdensstufen, natürlich nur bedingt, danicht überall gleich und teils synchron verlaufen ³).
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Die Feststellung, daß Breie der Konsistenz nach zwischen Suppenals Vorstufen und festeren Teigbreien als anderem Pol( also zwischen flüssigund fest) einzureihen sind, sollte meine Definition des Breis, die Tolksdorf dan-kenswerterweise zitiert, umgrenzend ergänzen, aber keineswegs„ wieder auf-lösen" 9).
Im Lebendigen verschwimmen fast überall die Grenzen, Erscheinungengehen ineinander über. Dennoch weiß jeder, was Pflanze, was Tier( trotz Viren,Korallen und fleischfressenden Pflanzen), jeder, was Tag und Nacht( trotz Däm-merung), jeder, was Sommer und Winter( trotz Frösten im ersten und Föhn imzweiten).„ Suppen" und„ Breie" sind in unserer Kostlandschaft so getrennteBegriffe, daß ich es versäumt habe, die Abgrenzung zwischen beiden in dieHauptdefinition aufzunehmen, sondern sie nur nachstellte. Dabei bleibt dieFrage, ob es sinnvoll ist, auch bei stärkerer Abgrenzung der Suppen von Breienund dieser von gekochten Teigspeisen einen Oberbegriff des„ Gekochten" dar-überzusetzen, offen. Da„ kochen" in weiterem Sinne jede Zubereitungsarteiner Speise umfaßt, müßte man besser sagen„ sieden" oder zumindest,, kochen im engeren Sinne".
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Teilfragen wären zu dem Buche in Vergleich, Ergänzung, Klärungnoch viele aufzugreifen. Wie der Verfasser viele kleinere Einzel- und Vorarbei-ten, internationales Bemühen und die erstgenannten Standardwerke als Mitvor-aussetzung seines Bildes einbauen konnte, wird fortan keine eingehendere Lei-stung in der Nahrungsvolkskunde ohne Heranziehung des bereits von ihmErarbeiteten gewichtig sein.
Wir dürfen Teil 2, der die übrigen Kostkomplexe, Gemüse, Kartoffel,Gewürze, Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Getränke, mit wissenschaftlichemGesamtergebnis bringen soll, mit Spannung und Vorfreude erwarten.Anni Gamerith, Graz
in der
Paul Hugger, Sozialrebellen und RechtsbrecherSchweiz. Eine historisch- volkskundliche Studie. 143 Seiten mit zahl-reichen Abbildungen. Zürich 1976, Atlantis Verlag. DM 19,80.
Unsere Zeit, in der sich anarchistische Terroraktionen zu häufen scheinen,hat vermutlich Paul Hugger, den wir von den verschiedensten Arbeiten zurSchweizer Volkskunde her kennen, zu diesem schmalen, aber interessanten Buchangeregt. Selbstverständlich sind es die Züge der Volksüberlieferung, welche sich
8) A. Gamerith, Arten und Wandel der Getreidebreie am Beispieldes Landes Steiermark mit weiteren Bezügen. In: Ethnologische Nahrungsfor-schung, Helsinki, wie oben, S. 81, weiter 80-113.
9) U. Tolksdorf, Essen..., S. 117, 118.
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