den städtischen und unmilitärischen Gilden zu den dörflichen Vereinigungen.Die Ursache dieser strukturellen Veränderung sieht Graf von Pfeil im Wegfallder militärischen Aufgaben, die jene ländlichen Verbände seit dem 17. Jahr-hundert gehabt hätten und die im 19. Jahrhundert zum Kriegsspiel, zum ,, Schüt-tenhof" ausarten. Das leuchtet freilich wiederum nicht ganz ein, denn das Schüt-zenfest findet sich nun auch dort, wo es früher keinen Wehrverband gab. Außer-dem will die Vogelschußzeremonie, bei der durch einen oftmals kalkulier-ten Zufall der Schützenkönig eruiert wird, nicht so recht in dieses Schemapassen. Bei diesem Wettkampf geht es doch vorwiegend um soziales Prestige,das im 19. Jahrhundert, wie Graf von Pfeil sehr deutlich hervorhebt, eben auchnoch durch den preußischen Militarismus gestärkt wurde. Nicht zuletzt wollen dieSchützengesellschaften durch den Militarismus das nationale Selbstverständnisstärken. Das Buch bietet somit eine Reihe höchst interessanter Tatsachen, esfindet aber leider vor lauter„ Bedeutungsanalyse" zu keiner Synthese.Franz Grieshofer
Ulrich Tolksdorf, Essen und Trinken in Ost- und Westpreußen,Tel 1. N. G. Elwert Verlag, Marburg 1975. Schriftenreihe der Kommissionfür Ostdeutsche Volkskunde E. V., Band 13. 447 Seiten( 41 Karten,54 Anmerkungen, 33 Literaturen, 14 Sachregister).
Nach den beiden bahnbrechenden Werken der Nahrungsvolkskundeinternational„ Nahrungsethnologie" innerhalb der deutschen Forschung,den„ Alltags- und Festspeisen" von Günter Wiegelmann 1967 und dem,, Wandel der Nahrungsgewohnheiten unter dem Einfluß der Industrialisierung"von H. J. Teuteberg( Historiker) und Wiegelmann 1972, legt hierUlrich Tolksdorf ein drittes- in seiner Art eine erste und einzige Pionier-leistung- vor.
Wiegelmann hatte die vernachlässigte Teildisziplin erstmals durch wissen-schaftstheoretische Überlegungen zu gliedern, kulturräumlich zu erfassen gesucht,aufbauend auf dem gesamtdeutsch großflächigen, aber fachlich sehr lücken-haften Antwortmaterial zum Deutschen Volkskundeatlas, wie einem ersten,selbsterarbeiteten Gesamtbild der Nahrungsentwicklung ab dem 16. Jahrhundert,gleichsam das bis ins 15. reichende Altwerk von Moritz Heyne,„ Das deutscheNahrungswesen", fortsetzend.
Einen zeitlichen Ausschnitt, den der turbulentesten wirtschaftlichenund sozialen Veränderungen, das 19. Jahrhundert, unterziehen Historiker undVolkskundler zusammen genauester Durchleuchtung.
Tolksdorf widmete 12 Jahre präziser Arbeit einem räumlichen Aus-schnitt, den Gebieten der beiden Teile Preußen.
Dem Verfasser, beruflich tätig bei Wieder- und Neuerstellung des„ Preu-Bischen Wörterbuches" aus erhaltenem Schriftbestand wie laufender Korrespon-denz mit 600 Gewährsleuten aus allen Teilen der verlorenen Gebiete( Archiv-bestände zu früheren Wörterbüchern im Kriege vernichtet) stand so der gesamteWortschatz mit Angaben zur Nahrung und allen tangierenden Problemkreisen( Wirtschaft, Statistik, Geräte, Bräuche, soziale Daten usw.) zur Verfügung.
Dazu führte Tolksdorf eigenständig aus eigener Tasche eine Fragebogen-aktion über sieben Jahre mit 1000 Korrespondenten durch, wie wochen-, teilsmonatelange Feldforschung in drei der preußischen Flüchtlingssiedlungen( Ahr-brücke, Eifel, Reichswald, Cloppenburg).
Da Vertriebene Bräuche ihrer Heimat oft übermäßig hochschätzen, inErinnerung, Schrifttum und teils weiterem Gebrauche festhalten, meist sehr gerneerzählen, Fragen schriftlich wie mündlich beantworten, lebt hier vieles, wasanderswo ins Vergessen sinkt,„ in besonderem Glanze und Wert" fort und istleichter zu erkunden.
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